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Demographie : Die kinderarme Gesellschaft

Mehr Kinder braucht das Land Bild: dpa

Achtzig Prozent aller Deutschen wollen Kinder. Viele von ihnen entscheiden sich dennoch dagegen. Fachleute fordern nun eine „kulturelle Wende“, um dem alternden Deutschland aus der Stagnation zu verhelfen.

          3 Min.

          Es lag in der Natur des Veranstalters, daß bei den „Schönhauser Gesprächen“ der deutschen Banken die Bevölkerungsschrumpfung zunächst und vor allem als ökonomisches Desaster beschrieben wurde. Horst Siebert, der ehemalige Präsident des Instituts für Weltwirtschaft, sah typische Wachstumsfaktoren wie technischen Fortschritt und Kapitalakkumulation bedroht; die Geldströme fließen in junge Volkswirtschaften, während dem älter und älter werdenden Deutschland eine lang andauernde Stagnation bevorstehe.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Doch bei der Ökonomie blieb es nicht im Apollosaal der Berliner Staatsoper. Es war auch von einer kulturellen Krise die Rede. Der Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio sah die „Zukunft des westlichen Wertesystems“ in Gefahr und befürchtete über kurz oder lang eine Niederlage „im Wettstreit der Kulturen“. Die geringe Kinderzahl zeuge von einer Angst vor der Zukunft und einem Vitalitätsverlust, die mit sozialtechnischen Reperaturen allein nicht in den Griff zu bekommen seien.

          Selbstinfantilisierung beim Golfspiel

          Schließlich wurden von mehreren Rednern auch ganz bodenständige menschliche Argumente dafür genannt, mehr Kinder zu bekommen. „Kinder lassen uns im Alter nicht mutterseelenallein“, sagte Familienministerin Renate Schmidt, und der Historiker Michael Stürmer sprach von der „furchtbaren seelischen Verarmung“ derer, die ihren Lebensabend allein mit der „Selbstinfantilisierung“ beim Golfspiel bestreiten wollten.

          Das Problem bei all diesen wirtschaftspolitischen, kulturkritischen und biographischen Erwägungen ist, daß sich aus ihnen nicht umstandslos ein Mandat zu staatlichem Handeln ableiten läßt. Ob einer Kinder will oder nicht, ist eine urpersönliche Entscheidung: darauf hinzuweisen, vergaß keiner der Redner. Alle Einwände gegen die Alterung der Gesellschaft sind sekundärer, funktionaler Art, und dürfen daher das Primäre der persönlichen Lebensentscheidung nicht suspendieren.

          Achtzig Prozent wünschen sich Kinder

          Doch man spürte bei vielen Wortmeldungen, daß die Irritation diesmal über die Debattenroutine der jeweiligen Funktionssysteme entschieden hinausging. Die Abnahme der Kinderzahl wird gemeinhin als eine Folge zunehmender Individualisierung und Pluralisierung in modernen, marktwirtschaftlichen Gesellschaften gedeutet: als ein Resultat der Freiheit, wenn man so will. Doch eine Umfrage, die der Bankenverband vor der Tagung in Auftrag gegeben hat, ergab, daß achtzig Prozent der Deutschen sich Kinder wünschen, unter den 18 bis 24 Jahre alten Deutschen sogar 94 Prozent. Aber nur vierzig Prozent der Akademikerinnen bekommen tatsächlich Kinder. Also scheint die Folge der Freiheit zu sein, daß man etwas nicht tut, was man eigentlich will.

          Wie das zu erklären ist, war der eigentliche Subtext vieler sorgenvoller Einlassungen. Die jetzige Situation ist mit den herkömmlichen Kategorien des Liberalismus offenkundig nicht zu fassen, da sie selber Ausdruck einer verwirrenden Widersprüchlichkeit innerhalb der liberalen Gesellschaft ist. Wäre die Schrumpfung von der Bevölkerung frei gewollt, müßte eine sich als liberal verstehende Politik sich danach richten und nach anderen Wegen suchen, ihre Ziele zu erreichen.

          Chinesen ins Land?

          Der Ökonom Hermann Simon aus Bonn schlug zum Beispiel vor, jährlich eine Million handverlesener Immigranten - er dachte vor allem an Chinesen - ins Land zu holen. Der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg wies dieses Rezept zurecht als „demographischen Kolonialismus“ zurück. „Es gibt für Menschen keinen Ersatz“, sagte er: Irgendwo müssen sie eben doch geboren und erzogen werden, und wenn dies eine Gesellschaft an andere delegiert, gebe sie sich selbst auf.

          Es war diese Ahnung einer beispiellosen Selbstaufhebung, um die die Tagung wie um ein Mysterium kreiste, ohne dieses durch metaphysische Herleitungen fixieren zu wollen. Wie konnte die Individualisierung des Menschen dazu führen, daß der Gedanke zwingend erscheint, seine ursprünglichen Instinkte müßten nun durch den Staat kompensiert werden? Im Mittelpunkt der meisten Überlegungen stand die akademisch ausgebildete Mittelschicht, bei der die Individualisierung besonders fortgeschritten ist und besonders häufig als Konkurrenz zum Kinderwunsch empfunden wird.

          Fehlprogrammierung des Wertesystems

          Di Fabio plädierte für ein Familiensplitting bei der Besteuerung, das dieser Schicht erlauben soll, ihren Lebensstandard auch mit Kindern zu halten. Reformen dürften „nicht allein abstrakten, von der Alltagserfahrung losgelösten normativen Ideen“ überlassen bleiben, wie sie von Expertengremien und Interessenvertretern formuliert werden. Di Fabio seinerseits stand nicht an, von einer fundamentalen „Fehlprogrammierung des Wertesystems“ zu sprechen.

          Renate Schmidt mahnte mehr Familienfreundlichkeit in den Betrieben an, vor allem, was die Möglichkeiten der Kinderbetreuung und des Wiedereintritts nach einer Babypause betrifft. Aber auch sie sah sich durch eine umfassendere Kulturentwicklung begrenzt: „Wenn wir glauben, nur durch absolute Sicherheit Vertrauen in die Zukunft erwerben zu können, haben wir schon verloren“. Auch die junge Grünen-Abgeordnete Kerstin Andreae wagte Kritik an ihrer Generation vorzutragen, die alles gleichzeitig haben wolle.

          Von allen Seiten wurde also ein „Mentalitätenwechsel“, eine „kulturelle Wende“ eingefordert. Der Parteienforscher Jürgen W. Falter empfahl sogar eine „konzertierte Aktion der Reedukation“, bei der in der Politik, in Film, Fernsehen und Literatur neue gesellschaftliche Vorbilder vorgestellt werden sollen. Aber wer möchte eine solche Umerziehung übernehmen? An den Paradoxien der kinderarmen Gesellschaft hat jeder Anteil, und erst, wenn diese klarer begriffen sind, gibt es Aussicht auf Änderung.

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