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Demographie : Alternde Welt im Verteilungsstreß

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

Demographisch bedingter Verteilungsstreß wird die Welt von morgen in kaum gekannter Weise prägen. Mit und ohne Nachkommen: Die Demographie wird zum Krisenherd.

          6 Min.

          In zwanzig Jahren wird die Geißel Krebs nach Einschätzung des weltweit größten Pharmakonzerns Pfizer besiegt sein. Hunderttausende von Todesfällen werden um Jahre später auftreten. So wichtig und erfreulich dies aus menschlicher Sicht ist, die ganze Bedeutung der Entwicklung erschließt sich erst aus der überindividuellen Perspektive: Die Lebensspanne des Menschen wächst ständig, ob eine biologische Grenze existiert, ist aus wissenschaftlicher Sicht heute unbekannt.

          Im zwanzigsten Jahrhundert hat sich die Lebenserwartung in Deutschland bei den Männern von 41 Jahren auf 75 Jahre und bei den Frauen von 44 Jahren auf 81 Jahre erhöht. Dies sind Durchschnittswerte, die Lebenserwartung der jüngeren Jahrgänge liegt in der Regel deutlich über dem Durchschnitt: Von den heute 20- bis 25jährigen Frauen wird wahrscheinlich jede zweite oder dritte ein Alter von 95 bis über 100 Jahre erreichen. Jeder zweite Bundesbürger ist heute über 40, im Jahr 2050 über 50 Jahre alt. Der Anstieg dieses sogenannten Medianalters beruht nicht, wie man meinen könnte, in erster Linie auf dem Anstieg der Lebenserwartung, sondern in noch stärkerem Maße auf den zahlenmäßig kleiner werdenden Geburtsjahrgängen infolge niedriger Geburtenraten.

          Das Geburtendefizit wird sich bis 2050 verachtfachen

          In Deutschland war der prozentuale Rückgang der Geborenenzahl pro Frau im zwanzigsten Jahrhundert etwa gleich groß wie der Anstieg der Lebenserwartung (minus 72 Prozent versus plus 83 Prozent), die Geburtenzahl pro Frau nahm von fünf Kindern auf durchschnittlich rund 1,4 ab. Deutschland ist das erste Land der Welt, in dem die jährliche Zahl der Sterbefälle ständig über der Zahl der Geborenen liegt. Trotz einer millionenfach eingewanderten Bevölkerung mit Geburtenzuschüssen ist die Bilanz seit 1969 (frühere DDR) beziehungsweise 1972 (alte Bundesrepublik) permanent im Minus, und das Defizit wird von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wachsen: Da die vor dreißig Jahren nicht Geborenen heute als potentielle Eltern fehlen, könnte jetzt die beste Familienpolitik mangels Adressaten das Blatt nicht wenden.

          Jeder will ein Stück vom Kuchen

          Wir sind mitten in einem neuen Geburtenrückgang, der ab 2030 wiederum zu einem Eltern- beziehungsweise Geburtenrückgang führt. Das Geburtendefizit wird sich nach der mittleren Variante der Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamts wegen permanent sinkender Geburtenzahlen und steigender Sterbefälle bis 2050 von heute jährlich 72 000 auf dann 576 000 verachtfachen.

          Auch die Entwicklungsländer sind betroffen

          Unter den Prognosevarianten für unterschiedliche Annahmen über die künftigen Geburten-, Sterbe- und Migrationsraten ist eine für die Politik besonders bedeutsam: Selbst wenn die jetzige Geburtenzahl pro Frau von 1,4 bis beispielsweise 2030 wieder auf die von der Bevölkerung als ideal betrachtete Zahl von zwei Kindern pro Frau zunähme und gleichzeitig etwa 150 000 junge Menschen pro Jahr netto einwanderten, bliebe die Geburtenbilanz bis zur Jahrhundertmitte dauernd im Minus.

          Der prozentuale Rückgang der Geburtenraten war in den letzten fünfzig Jahren in den Entwicklungsländern intensiver als in den Industrieländern (minus 50 Prozent versus minus 44 Prozent). Der Altenquotient - die Zahl der über 65jährigen in Prozent der 15- bis 64jährigen - und das Durchschnittsalter sind und bleiben in den Entwicklungsländern zwar wesentlich niedriger als in den Industrieländern, aber ihr prozentualer Anstieg ist dort wegen des steileren Rückgangs der Geburtenrate und der rein prozentual stärkeren Zunahme der Lebenserwartung höher als in den Industrieländern.

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