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Demografischer Wandel : Anleitung zum Wenigersein

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Noch ziemlich viel Platz auf der Gästebank: ein Fußballfeld in Mecklenburg-Vorpommern Bild: AP

Ob man, wie die Schweiz, den Zuzug begrenzen will oder darauf hofft, dass Einwanderung die demographischen Probleme löst – die europäischen Länder sollten damit rechnen, dass ihre Bevölkerung schrumpft. Das wird schwer genug.

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          So viel Zuwanderung war selten: Mehr als 1,2 Millionen Menschen aus anderen Ländern sind im vergangenen Jahr vorläufigen Schätzungen zufolge nach Deutschland gezogen. Weil im selben Zeitraum nur knapp 800.000 Personen das Land verlassen haben, blieb ein Wanderungsüberschuss von fast einer halben Million. Das waren genug Menschen, um die Bevölkerung zwischen Rügen und dem Bodensee wieder einmal wachsen zu lassen, auf 80,8 Millionen. Schon seit drei Jahren hält dieser Trend an, so dass der Einwohnerschwund, der im Jahr 2003 begonnen hatte, erst einmal gestoppt ist. Damals lebten nach offiziellen Angaben 82,3 Millionen Menschen in Deutschland.

          Aber wie geht es weiter? Wird das neue Wachstum anhalten, oder werden wir doch eher weniger? Können all die arbeitssuchenden jungen Bulgaren, Spanier oder Polen, all die Ärzte und Ingenieure, die Bauarbeiter und Spargelstecher den vielbeschworenen demographischen Wandel abwenden und das angesagte Schrumpfen und Altern verhindern? Immerhin sind die Zuwanderer ein Grund dafür, dass die Beschäftigungszahlen und damit auch die Steuereinnahmen hierzulande auf Rekordniveau liegen. Dies gilt im Übrigen auch für die Schweiz, wo die Bevölkerung derzeit aufgrund von Zuwanderung sogar prozentual doppelt so stark wächst wie in Deutschland.

          Die Babyboomer werden alt

          Dennoch ist ein längerfristiger Einwohnerzuwachs hierzulande extrem unwahrscheinlich, denn der Wandel unserer Bevölkerungsstruktur wurde vor vierzig Jahren angelegt. In den siebziger Jahren begannen die Zeiten sehr niedriger Kinderzahlen, an denen sich seither, ungeachtet aller familienpolitischen Anreize, nichts verändert hat. Deutschland verbucht seit 1972 Jahr für Jahr mehr Sterbefälle als Geburten. Das hat lange Zeit kaum jemanden interessiert, denn die Zuwanderung konnte den natürlichen Schwund mehr als ausgleichen.

          Einzig in den wirtschaftlichen Krisenjahren zwischen 1975 und 1985, als es für Migranten keinen Anlass gab, nach Deutschland zu kommen, gingen die Einwohnerzahlen schon einmal leicht zurück. Als dann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs nicht nur zwei Millionen Spätaussiedler, sondern auch 700000 Flüchtlinge aus dem zerfallenden Jugoslawien ins Land kamen, war das Schrumpfen erst einmal beendet.

          Erst von 2003 an konnten die Zuwanderer das Geburtendefizit nicht mehr kompensieren. Der Überschuss der Sterbefälle über die Geburten war zu groß geworden, er steigt seither weiter und stetig an. 2012 starben bereits 196000 mehr Menschen als geboren wurden. Und weil auch die Babyboomer irgendwann in die Jahre kommen, ist zu erwarten, dass der Sterbeüberschuss bis 2020 auf 300000 und bis 2050 auf mehr als eine halbe Million pro Jahr steigen wird.

          Wanderungswellen sind nicht planbar

          Folgerichtig geht das Statistische Bundesamt davon aus, dass sich der Bevölkerungsrückgang mittelfristig verstärken wird. Bis 2060 dürften wir demnach um mehr als zehn Millionen weniger werden – unter der Voraussetzung, dass im Saldo 200000 Zuwanderer pro Jahr ins Land kommen. Selbst wenn die Kinderzahl je Frau von heute 1,4 auf einen Wert von 1,6 stiege, wofür es bisher nicht die geringsten Anzeichen gibt, ließe sich der Bevölkerungsverlust bis 2060 lediglich auf sechs Millionen begrenzen.

          Dieses Schrumpfen ließe sich nur vermeiden, wenn die Lücken komplett mit Einwanderern gefüllt würden. Theoretisch wäre das kein Problem, denn die Weltbevölkerung wächst jedes Jahr um die Einwohnerschaft Deutschlands. Vor allem Afrika, wo sich die Zahl der Menschen bis 2050 mehr als verdoppeln dürfte, böte ein schier unbegrenztes Potential an möglichen Zuwanderern. Aber wie realistisch wäre diese Vorstellung?

          Deutschkurs: Die Zuwanderung kann das Schrumpfen der Bevölkerung zwar verlangsamen, aber nicht komplett aufhalten.
          Deutschkurs: Die Zuwanderung kann das Schrumpfen der Bevölkerung zwar verlangsamen, aber nicht komplett aufhalten. : Bild: dapd

          Organisierte Zuwanderung erfolgt nicht nach der simplen Vorgabe, die Einwohnerzahl zu stabilisieren. Sie ist die Folge von wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen wie Zuwanderungs- oder Asylgesetzen sowie von Sondereffekten wie etwa dem Fall des Eisernen Vorhangs. Deshalb gab es 1992 einen Rekordwanderungsgewinn von 782000 Personen.

          Auch die heutige Zuwanderung, die im Wesentlichen aus EU-Ländern stammt, beruht auf einem Sondereffekt. Sie gründet auf der Krise in den südeuropäischen Ländern und den neuen Regelungen der Arbeitnehmerfreizügigkeit für osteuropäische EU-Staaten. Weil Sondereffekte jedoch die Ausnahmen sind, stellen auch die Wanderungsgewinne der letzten drei Jahre Ausreißer nach oben dar. Im Zehnjahresschnitt erreichen sie bei weitem nicht die 200000-Grenze.

          Zudem ist es wahrscheinlich, dass die heutige Zuwanderungswelle aus Europa wieder abschwillt. Zum einen haben diese Länder ähnliche Nachwuchsprobleme wie wir Deutschen und können es sich langfristig gar nicht leisten, ihre jungen Leute abzugeben. Zum anderen setzt die EU aus guten Gründen alles daran, diese Länder wirtschaftlich zu stabilisieren, so dass die Spanier wieder Perspektiven in Spanien haben und die Bulgaren in Bulgarien. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass es in diesen Fällen rasch zu Rückwanderungswellen kommen kann. Daran muss auch Deutschland ein Interesse haben, denn ein langfristiges Scheitern der EU-Krisenländer käme uns teuer zu stehen.

          Schwund in der Peripherie

          Es blieben aber immer noch Zuwanderer aus Nicht-EU-Staaten. Sie kommen bis heute nur in sehr geringen Zahlen nach Deutschland. Künftig dürften es mehr werden, schon allein, weil die deutschen Unternehmen auf sie angewiesen sind. Deren Bedarf ist in der Tat hoch, aber nicht so hoch, dass er die erwarteten Sterbeüberschüsse ausgleichen könnte. Und selbst wenn die Migranten in diesem Ausmaß kämen, könnten sie unser Demographieproblem nicht lösen. Zuwanderer sind zwar im Schnitt jünger als die einheimische Bevölkerung und bekommen schon deshalb häufiger Nachwuchs als diese. Aber selbst auf diesem Weg ließe sich der Geburtenmangel bei weitem nicht beheben.

          Zum einen stammen die meisten der heutigen Zuwanderer aus Ländern, in denen die Kinderzahlen je Frau genauso niedrig sind wie bei uns. Zum anderen passen sich auch Menschen aus Ländern, in denen noch größere Familien die Norm sind, in Allgemeinen nach einer Generation an das einheimische Nachwuchsniveau an. Deshalb werden auch Migranten Teil der alternden Gesellschaft, in der sich das Verhältnis von jungen Arbeitskräften zu älteren Abhängigen zunehmend verschlechtert.

          Vor allem können Zuwanderer die massiven regionalen Bevölkerungsverwerfungen nicht abmildern. So ist der Einwohnerschwund vor allem in den ländlichen Gebieten Deutschlands, insbesondere im Osten, spürbar, die zu wenige Arbeitsplätze bieten und zu weit entfernt von den Metropolregionen liegen. An diesen Gebieten ist die Zuwanderung der vergangenen Jahre komplett vorbeigegangen. Warum aber sollten künftig Inder und Chinesen ausgerechnet dorthin ziehen, wo die Einheimischen aus guten Gründen fortgezogen sind?

          Selbst wenn also die Gesamtbevölkerung mit Hilfe der Zuwanderer wüchse, hätte dies zur Folge, dass die Infrastruktur in den wirtschaftsstarken Städten aufwendig ausgebaut werden müsste, während der kaum aufzuhaltende Schwund in der Peripherie ebenfalls hohe Kosten verursacht.

          Vorbereitung auf das Schrumpfen

          Schlussendlich wären bei einer Zuwanderung, welche Deutschlands Gesamtbevölkerung stabilisieren könnte, ungewöhnlich hohe Integrationsleistungen notwendig, um soziale Probleme zu vermeiden. Um die mittelfristig notwendigen 300000 bis 500000 Zuwanderer pro Jahr dauerhaft als Einwohner zu gewinnen, müsste Jahr für Jahr die dreifache Zahl über die Grenzen kommen. Denn etwa zwei Drittel der Zuwanderer kehren erfahrungsgemäß schon nach relativ kurzer Zeit wieder in die Heimat zurück.

          Jedes Jahr 900000 bis 1,5 Millionen Menschen aus anderen Ländern in die hiesige Gesellschaft zu integrieren – das könnte zu einem Problem werden für eine Nation, die sich in der Vergangenheit eher schwer mit der Integration getan hat. Ein Land, in dem sich viele vor einer Überfremdung fürchten und andere sich auf eine „Leitkultur“ berufen, lässt sich nicht über Nacht in eine multikulturelle Gesellschaft verwandeln, wie sich etwa das überaus einwanderungsfreundliche Kanada offiziell definiert.

          Auch wenn Zuwanderung die wichtigste Stellschraube bleibt, um den demographischen Wandel zu verlangsamen, müssen wir notgedrungen für das Schrumpfen planen: also unsere Sozialsysteme an die Alterung anpassen, in Bildung investieren, uns auf ein längeres Erwerbsleben vorbereiten und Konzepte für den Umgang mit den ausblutenden ländlichen Gebieten suchen, anstatt vergeblich darauf zu hoffen, dass Menschen aus anderen Ländern all diese Probleme für uns lösen.

          Diese Konzepte könnten angesichts des globalen demographischen Wandels bald schon Gold wert sein: Nicht nur Deutschland, viele andere Industrienationen wie Japan oder Russland und bald auch die ersten Schwellenländer brauchen dann eine Anleitung zum Wenigersein.

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