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Claus Leggewie zum 70. : Ein linker Entdecker

  • -Aktualisiert am

„Antikommunistischer Linker, katholisch fühlender Agnostiker, angeschlossener Außenseiter und respektvoller Grenzverletzer“: Leggewie über Leggewie. Bild: dpa

Er fühlte er der alten Bundesrepublik und dem neuen Deutschland auf den Puls und prägte Debatten um Multi-Kulti und Neocons: Dem Politologen Claus Leggewie zum Siebzigsten.

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          Die Zeitschrift „Criticón“ war eine Plattform deutscher Rechtsintellektueller. Ausgerechnet dem Rotbuch-Verlag wurde dort 1987 ein Kompliment gemacht, das zugleich eine Ohrfeige für das rechte Lager war: „Leggewies Mischung aus Information und Überlegung, Zitat und Pointe ist bei uns leider selten genug. Vielleicht macht sie nun doch etwas Schule.“ Die Provokation des rezensierten Buchs, „Der Geist steht rechts“ von Claus Leggewie, steckte schon im Titel. Denn für Linke war klar, dass links, wo das Herz schlägt, so Buchtitel von Leonhard Frank bis Oskar Lafontaine, auch der Geist steht. Als man beim Wort „Wende“ noch an Helmut Kohls Versprechen einer „geistig-moralischen Wende“ dachte, unternahm Leggewie „Ausflüge in die Denkfabriken der Wende“, besuchte Thinktanks und interviewte Konservative vom katholischen Philosophen Robert Spaemann bis zum „Criticón“-Redakteur Armin Mohler. Man muss sich Leggewie als neugierigen Wissenschaftler vorstellen, dem es nicht reicht, Literaturberge zu besteigen, den es, wie bergmännisch über den in Nordrhein-Westfalen Verwurzelten gesagt werden darf, vor Ort zieht, wo er hinter Autoren auch Akteure und deren Geschichten abräumt.

          Mit einer Arbeit über Algerien wurde Leggewie in Göttingen promoviert. Sein Doktorvater war Bassam Tibi, wie Leggewie einst dem in Offenbach residierenden „Sozialistischen Büro“ und dessen Zeitschrift „links“ verbunden. Leggewie wurde Professor in Gießen und 2007 Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen. Während andere Linke in Publikationen der ewigen Wiederkehr immer gleicher Fragen zu Kapitalismus- und Staatstheorie frönten, eilte Leggewie, wie der Kleine Muck im Film von Wolfgang Staudte, auf Zauberpantoffeln von einem Thema zum anderen, der alten Bundesrepublik und dem neuen Deutschland den Puls fühlend.

          Deutsche Kriegsdienstverweigerer in Algerien

          Das Buch „Kofferträger“ über das „Algerien-Projekt der Linken im Adenauer-Deutschland“ (1984) förderte, mit vielen Privatfotos, Unbekanntes zutage: über deutsche Kriegsdienstverweigerer, die mit Kampfanzug im algerischen Grenzgebiet trainierten, oder über den KPD-Aufstandsexperten der Weimarer Republik, der für den Bundesnachrichtendienst Algerien-Berichte schrieb. Unter dem Titel „Multi Kulti“ stellte Leggewie 1990, als man noch über Deutschland als Einwanderungsland stritt, schon „Spielregeln für die Vielvölkerrepublik“ auf. Bald darauf hatte der Gastprofessor in New York die „Neocons“ vor Augen, von denen viele Linke, meist Trotzkisten, gewesen waren. Wer 2016 „America first“ für eine von Donald Trump erfundene Parole hielt, kannte Leggewies Buch von 1997 nicht: „America first? Der Fall einer konservativen Revolution“.

          Das „ungewöhnliche Leben eines Mannes, der aus der Geschichte lernen wollte“, so dass aus einem SS-Mann ein progressiver Germanistikprofessor wurde, beleuchtete Leggewie 1998 in der Fallstudie „Von Schneider zu Schwerte“. Zur Gegnerforschung gehören Leggewies Plädoyers für eine Auseinandersetzung mit Rechtsradikalen, die Demokratieregeln nicht verletzt. In dem mit Horst Meier verfassten utopischen Sachbuch „Nach dem Verfassungsschutz“ (2019) wird die Abschaffung der Verfassungsschutzämter gefordert, „das Ende eines deutschen Sonderwegs“, der „Abschied von einer ‚streitbaren‘, zaghaft-halbierten Demokratie“. Streitbar müssen die Demokraten schon selbst sein, wie der Autor, dessen jüngstes Buch „Jetzt! Opposition, Protest, Widerstand“ heißt.

          Als ihm 2017 der Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen wurde, zitierte Ministerpräsidentin Hannelore Kraft seine Selbstbeschreibung: „antikommunistischer Linker, katholisch fühlender Agnostiker, angeschlossener Außenseiter und respektvoller Grenzverletzer“. Der Beobachter „von der Seitenlinie“ – so der Untertitel seiner Erinnerungen – feiert heute seinen siebzigsten Geburtstag.

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