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Vincent Klink zum Siebzigsten : Falstaff und Pantagruel

Eine schwäbische Institution und Immobilie: Vincent Klink. Bild: Manz, Florian

Um den Tellerrand hat er sich nie geschert. Sein Blick geht weiter darüber hinaus, er verbindet Kochen mit Kunst: Dem Meisterkoch Vincent Klink zum siebzigsten Geburtstag.

          Der Tellerrand gehört zwingend zum Beruf des Kochs. Hunderte Male hat man an Herd und Pass Tag für Tag mit ihm zu tun, wobei er in schlechteren Küchen mit der Linie des Horizonts identisch ist, während die besseren Köche auf ihm gerne pointillistische Punkte plazieren, Skulpturen aus Gemüse modellieren oder mit Creme und Pinsel abstrakten Expressionismus zelebrieren.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Vincent Klink ist ein sehr guter Koch, doch um den Tellerrand hat er sich nie geschert. Seit er in der Küche steht, seit mehr als einem halben Jahrhundert, geht sein Blick weit über Pünktchen und Schweife hinaus in die Welt der Musik und der Kunst, der Literatur und der Gastrosophie. Geschadet hat es ihm nicht, denn so ist aus Klink ein Universalbildungsbürger mit Schürze geworden, der intellektuellste, wortgewaltigste, nachdenklichste Koch seiner Generation und vielleicht sogar der klügste von allen.

          Dass er kein Tellerrandkoch werden würde, stand für Klink von vornherein fest. Sein Großvater war Altphilologe, sein Vater Tierarzt, seine Kindheit im erzkatholischen Schwäbisch-Gmünd aber auch von unbändiger Lust an gutem Essen überstrahlt. Doch fühlte sich der junge Vincent zum Bildhauer oder Graphiker berufen, wurde wegen desaströser Schulnoten vom Vater allerdings erst zu einem Metzger ins Praktikum, dann zu einem Koch in die Lehre gesteckt, fand schließlich Gefallen an dem Beruf, eröffnete mit 25 Jahren sein erstes Restaurant in Schwäbisch-Gmünd und erkochte sich schon vier Jahre später einen Michelin-Stern, den er mit der Ausnahme eines einzigen Jahres bis heute hält. Seit 1991 ist die „Wielandshöhe“ hoch über Stuttgart seine kulinarische Heimat, in deren Küche ausschließlich Köche mit akademischem Vorleben beschäftigt sind.

          Das ist kein Zufall, sondern angesichts des Chefs nur konsequent, denn Vincent Klink ist mit der Feder mindestens so flink wie mit dem Kochlöffel. Er hat das kulinarisch-literarische Magazin „Die Rübe“ im Haffmanns-Verlag herausgegeben und den „Kulinarischen Almanach“ bei Klett-Cotta betreut, gemeinsam mit Wiglaf Droste die Vierteljahrschrift „Häuptling eigener Herd“ verantwortet und seine hochgerühmte Autobiographie unter dem Titel „Sitting Küchenbull“ veröffentlicht, daneben auch klassische Kochbücher geschrieben und denkenden Feinschmeckern immer wieder Trouvaillen wie zuletzt die „Grundzüge des gastronomischen Anstands“ des französischen Gastrosophen Grimod de la Reynière geschenkt.

          Dass er außerdem exzellent Querflöte, Trompete und Bassflügelhorn spielt und mit Größen ihres Fachs wie Till Brönner Konzerte gibt, ist da fast schon eine Fußnote. So viel Tellerrandzertrümmerung kann nur die schönsten Folgen haben, und bei Vincent Klink manifestieren sie sich gleichermaßen in Sprachwitz, Selbstironie und Weltverbesserungsfuror. Kein anderer deutscher Koch wettert so leidenschaftlich gegen kulinarische Lustfeindlichkeit und industriellen Landwirtschaftsirrsinn, kein anderer verteidigt glühender Regionalismus und Authentizität in der Küche. Und wohl niemand sonst würde es wagen, sein Restaurant ein „Institut zur Baucherweiterung“ zu nennen und sich selbst wegen seiner Bodenständigkeit als „Immobilie“ zu bezeichnen. Heute wird dieser wunderbare Koch mit der Leibesfülle eines Falstaff, dem Appetit eines Gargantua und dem Scharfsinn eines Epikur siebzig Jahre alt.

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