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Frank Herbert würde 100 : Wüstenwerte und Kunstwissen

  • -Aktualisiert am

Kampf um Dune: Paul Atreides (Kyle MacLachlan, links) kämpft in der Verfilmung von David Lynch gegen Feyd-Rautha Harkonnen (Sting). Bild: dpa

Wie finden wir aus der Zerstörung unserer Umwelt wieder heraus? Frank Herbert, der Schöpfer des „Wüstenplaneten“, hatte dazu klare Vorstellungen. Ein Gruß zum Hundertsten.

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          Heuschrecken fressen den Menschen die Nahrung weg und Krankheiten die Lungen, der Himmel sieht selbst da, wo’s gerade nicht brennt, oft aus, als stünde er unter einem bösen Stern, und unter Wasser sterben die Korallen. Vor rund fünfzig Jahren, als Gegen-, Jugend- und Popkulturen gerade Umweltfragen für sich entdeckten, hielt der Schriftsteller Frank Herbert eine Rede vor dreißigtausend Leuten, bei der er den rührend individualistischen Eid schwor, kein neues Auto zu kaufen, bis Regierung und Industrie ernsthafte Maßnahmen zum Schutz der Lebensgrundlagen einleiten würden. Das Bild vom Fußgänger und Radfahrer aus Gewissensgründen illustriert eine Überzeugung, die Herbert mit einem Buchtitel zusammenfasste: „New World or No World“, entweder die Welt wird neu, oder sie endet.

          Verheiratet mit einer Public-Relations-Fachfrau und als Wahlkampagnenmanager öffentlichkeitsarbeitskundig, sah er klar, dass weder käufliche Politik noch grüne Produktwerbung zur Krisenbewältigung hinreichen, und besann sich auf eine Erkenntnis, die ihm frühe begeisterte Lektüre von Shakespeare bis Proust erschlossen hatte: Die Menschheit muss ihren Möglichkeitssinn schärfen, sonst stirbt sie.

          „Weiße Überraschung in der offenen Wüste“

          Nach einem Flug über Dürreland erfand er den Planeten Arrakis und erschrieb sich, zunächst als Fortsetzungsserie, von 1965 an dann in Gestalt mehrerer Romane den „Dune“-Kosmos, der sich inzwischen in Filmen (von David Lynch und, für dieses Jahr angekündigt, aber gerade verschoben, Denis Villeneuve), Brettspiele und Heavy-Metal-Kurzopern („To Tame A Land“ von Iron Maiden) ausgedehnt hat. Die Tugenden der technisch-wissenschaftlich gerüsteten Menschheit, so lehrt diese Schöpfung, müssen solche sein, mit denen sich Leben auch unter absolut lebensfeindlichen Bedingungen schützen ließe. Literatur, die nicht mehr nur vom Dasein einzelner Figuren, sondern vom Werden und Sterben ganzer Welten erzählt, ist im herkömmlichen, stets ans Vorhandene gefesselten Gerede und Geschreibe so etwas wie die Salzpfanne, die der Umweltingenieur Pardot Kynes im ersten „Dune“-Roman entdeckt: „eine gleißend weiße Überraschung in der offenen Wüste“.

          Neben Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst gibt es freilich noch eine fünfte Art, das Schicksal zu vermenschlichen: die Religion. An ihr nahm Herbert reges Interesse, vom Zenbuddhismus bis zum mystischen Islam der Sufis. Sein Nonnenorden der „Bene Gesserit“ in „Dune“ ist den Jesuiten nachempfunden, und sein Roman „Soul Catcher“ (1972) zeichnet ein weder ethnologisch noch kolonialistisch borniertes Bild der Mythenwelt des indigenen Amerikas. Anders als sein Kollege L. Ron Hubbard jedoch gründete Herbert keine Sekte und war lieber Dichter als Prophet. Denn die Kunst, wusste er, der heute hundert Jahre alt geworden wäre, ist die einzige Religion, die begreift, dass sie zwar nicht wahr ist, aber gebraucht wird.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

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