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Ken Follett zum Siebzigsten : Die Nadel strickt noch gut

Ken Follett präsentiert sein Buch „Das Fundament der Ewigkeit“ in Madrid. Bild: Picture-Alliance

Er hat mit seinen backsteindicken Historienerzählungen ein Genre geprägt, von dem der gesamte Buchmarkt profitiert: Der britische Schriftsteller Ken Follett wird heute siebzig Jahre alt.

          Jeden Schreibmorgen um sieben bringt Ken Follett die Welt wieder in Ordnung. „Ich ziehe mich noch nicht mal an“, erzählt er in einem der vielen Interviews, die er zum Erscheinen eines jeden seiner vielen Bücher bereitwillig gibt, „sondern schlüpfe in meinen Bademantel, mache mir einen Tee und dann fange ich sofort an.“ Seit gut vier Jahrzehnten geht das so. Damals, 1978, veröffentlicht der unbekannte Lokaljournalist aus dem walisischen Cardiff und bis dato unter Pseudonymen Romane fabrizierende Lohnschreiber eines Londoner Verlags den Spionagethriller „Die Nadel“, der mit Donald Sutherland in der Rolle des Nazi-Agenten Henry Faber alsbald verfilmt und sofort ein Welterfolg wird. Dem Verschwörungs- und Verbrechergenre ist Follett treu geblieben und hat dabei dem nach wie vor gängigen Nazi- und Weltkriegssujet – etwa „Die Leopardin“ (2001) oder „Mitternachtsfalken“ (2003) – auch unmittelbar aktuelle Themen wie Genforschung („Der dritte Zwilling“, 1997) und Biotechnologie („Eisfieber“, 2004) zur Seite gestellt.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Eine nochmals entschieden gesteigerte Dimension an Aufmerksamkeit und Auflage beginnt mit dem Kathedralen- und Mittelalterrhymnus „Die Säulen der Erde“ von 1990, angesiedelt im fiktiven südenglischen Städtchen Kingsbridge des zwölften Jahrhunderts. Zusammen mit Umberto Ecos bereits zehn Jahre zuvor erschienenem Klosterepos „Der Name der Rose“ hat Follett damit den historischen Roman reanimiert, mehr noch: Zusammen mit den jeweils 1000 bis 1300 Seiten umfassenden, im Zwei- bis Vierjahresrhythmus produzierten Folgebänden (unter anderen „Die Pfeiler der Macht“, „Die Brücken der Freiheit“ sowie der zweiten und dritten Kingsbridge-Saga „Die Tore der Welt“ und „Das Fundament der Ewigkeit“) hat er diese Gattung zur Stütze des weltweiten Buch- und Bestsellermarktes gemacht, zu einer Stütze übrigens, die trotz Leserschwunds immer noch einigermaßen stabil ist. Genreübergreifend hat Ken Follett inzwischen mehr als dreißig Bücher publiziert, die in etwa achtzig Ländern um die 165 Millionen Mal verkauft und vielfach auch zu Fernsehstoffen wurden.

          Solides Handwerk, strategisches Können

          Im vergangenen Jahrzehnt ist ihm mit den drei backsteindicken Großerzählungen über das zwanzigste Jahrhundert – „Sturz der Titanen“, „Winter der Welt“, „Kinder der Freiheit“ – zudem eine Gattungsvariante gelungen, von deren Verkaufsträchtigkeit inzwischen ebenfalls die gesamte Verlagsbranche profitiert: Er hat aus der Historie in Romanform den fast bis an die unmittelbare Gegenwart heranreichenden Zeitgeschichtsroman hervorgehen lassen und dabei reale Akteure von Lenin bis Churchill, von Kennedy bis Kohl und von Castro bis Gorbatschow mit erfundenem Erzählpersonal aus vieler Herren Ländern und über mehrere Generationen hinweg verbunden.

          Nie würde dieser Erzählgeneral seinen Lesern blinde Motive oder kompliziert verschachtelte Handlungsgänge zumuten: Ken Follett

          Folletts Erfolg hat sehr viel mit solidem Handwerk und strategischem Können zu tun. Seine Leser wissen einfach, dass sie sich auf ihn verlassen können. Nie würde ihnen dieser Erzählgeneral blinde Motive oder kompliziert verschachtelte Handlungsgänge zumuten. Kein Satz ist länger als zwei, drei Zeilen, Hypotaxen sind verpönt, Liebesschwüre und Sexszenen hingegen spätestens nach sechzig, siebzig Seiten variierend wieder fällig. Gleichwohl wirkt das narrative Verfahren nicht schematisch, gar fabrikhaft.

          Von großer Literatur unterscheidet den Unterhaltungsgiganten Follett, dass er uns die Welt und deren Akteure konsequent und ausschließlich von außen zeigt, also schreibend nicht in sie hineinzusehen versteht. Das limitiert sein Erzählvermögen, gibt den Lesern aber auch die Freiheit, etwa die seelischen Leerstellen seiner Figuren mit eigener Phantasie zu füllen. An etwa hundert Tagen im Jahr ist Ken Follett auf Recherchereisen oder studiert akribisch Hintergrundmaterial für das jeweils nächste Buch, bestimmt weitere fünfzig benötigt er, um als Chef des „Follett Office“ präsent zu sein, dessen fast dreißig Mitarbeiter die Finanzen ebenso im Blick haben wie die medialen Auftritte, die zahlreichen Übersetzer ebenso wie die Agenten und Verlage, die sich global, aber natürlich auch im höchst eigenen Interesse um die Follett-Verbreitung kümmern.

          Bleiben rund zweihundert Schreibtage. Was um kurz nach sieben beginnt, endet nach einer Ankleide- und einer Mittagspause um Punkt siebzehn Uhr – „auch wenn ich gerade mitten in einer Szene bin“. Das hält die Welt in Ordnung. Auch am heute, wenn Ken Follett seinen siebzigsten Geburtstag feiert.

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