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Debüt : Erzählen an den Rändern der Wahrnehmung

  • -Aktualisiert am

Schreiben, um die Welt im Griff zu behalten: Debütantin Nina Jäckle Bild: Berlin Verlag

Wie lässt man einen Prosatext musikalisch werden? Nina Jäckle, Autorin des viel versprechenden Debüts „Es gibt solche“, erzählt aus ihrer Werkstatt.

          „Was ich zu suchen scheine, ist das Gegenteil von Klaustrophobie. Ich stecke die Figuren immer in geschlossene Räume, in so eine Art Schachtelsituation.“ Nina Jäckle nähert sich vorsichtig dem eigenen Schreiben an, mit einem Blick von außen. Vielleicht ist sie ihren Erzählungen noch so nah, dass sie sich vor eindeutigen Aussagen über ihre Texte scheut. Vor wenigen Wochen ist im Berlin Verlag ihr Debütband erschienen.

          Jäckles Schachtelsituationen: Eine junge Frau erblindet und merkt nicht, dass ihr neuer Freund sie heimlich auf der Straße mit Teleobjektiv fotografiert. Ein junger Mann, der in der gemeinsamen Wohnung auf die Rückkehr seiner Freundin wartet, beginnt die Stille mit der pathologisch-übergenauen Wahrnehmung seiner Umgebung zu füllen: das Schreien der Katze, die Schritte der Nachbarin. Jäckles Erzählerfiguren scheinen mit den Räumen geradezu verwoben, bewegen sich in kleinen, an den Rändern ausfransenden Wahrnehmungsfeldern.

          Musikalisch durchgearbeitet

          „Die begrenzte Wahrnehmung, der eingeschränkte Radius der Figuren bedingt vielleicht auch eine gewisse Kurzform“, sagt die Autorin. „Ich bin eigentlich eine Kurzprosa-Autorin.“ Die kurzen, in sich abgeschlossenen Abschnitte passen wunderbar zu ihren Stoffen. Die Erblindende, die beginnt, in der zunehmenden Unschärfe ihrer Wahrnehmung sich stückweise Ihrer Umgebung zu versichern, Treppenstufen abzuzählen, die unerkannten Zwischenräume mit ihrer Fantasie auszufüllen: „Haumeln gibt es nicht. Also muss es baumeln heißen. Ich bin Meisterin geworden im Ersetzen fehlender Details.“

          Die Texte arbeiten mit einem seriellen Kompositionsprinzip, mit musikalischen Strukturen: Kurze Erzählmomente werden wie Themen einer Sonate aneinandergefügt, später als Reprise wieder aufgegriffen. Auch in der Feinstruktur sind ihre Texte mit genauem Gespür für Satzrhythmus und Vokal-Klangfolgen musikalisch durchgearbeitet: „Er geht die Räume ab und ordnet die Dinge zueinander an. Er sieht rechte Winkel und Geraden, die sich durch die Anordnung der Dinge ergeben. Er geht die Räume ab, um zu überprüfen, ob sich der Staub bereits erneut auf alles legt, ob die Wäsche getrocknet ist.“ - „Das ist der Jäckle-Sound“, sagt sie selbstbewusst, muss lachen und fügt dann vorsichtiger hinzu: „Das passiert mir halt. Das hat damit zu tun, wie ich schreibe. Morgens sehr früh, und abends lese ich Korrektur, nehme weg, was zu viel ist. Weil ich laut lese und schreibe, entsteht daraus eine Art Rhythmus, eine Musik.“

          Existentielle Situationen

          Immer wieder bringt Nina Jäckle ihre Figuren in geradezu existentielle Extremsituationen: Der Vater stirbt. Der Verlassene ist dem Alltag entfremdet. Die U-Bahn bleibt stehen, ohne Licht, die Menschen im Waggon beginnen, gegen die Angst zu erzählen. Zugleich kommen die Texte ohne große Dramatik aus, sind die eigentlich tragischen Konstellationen ins Helle gebrochen: Zwei Fahrgästen in der U-Bahn berühren sich versehentlich im Dunkeln, eine subtile Erotik entfaltet sich, bis schließlich das Licht wieder angeht: „Nun sehen Sie mich doch endlich an, sagt sie und lacht.“

          Jäckles Erzählstil arbeitet mit wenigen, präzisen Details und macht so Situationen einfühlbar. Sie selbst nennt als zentrales Verfahren ihrer Texte „das Auslassen des Gemeinten“. In „Buchenhofstaffel“, dem ersten Text des Bandes, erinnert sich die Erzählerin an das allmähliche Sterben des Vaters, das sich ankündigt in dem welken Gras, dem gespaltenen Kirschbaum auf der Grenze zum nachbarlichen Garten, dem Dahinsiechen des Nachbarn: „Herrn Wanners Körperhaltung hatte sich verändert, es schien, als sei er noch kleiner geworden, manchmal knickte er ein Knie ein und beugte sich dann weit nach hinten.“ Wenn dann am Ende kurz nach dem Nachbarn plötzlich der Vater stirbt, ist die Ungeheuerlichkeit des Todes nachfühlbar geworden.

          Schreiben, um die Welt zu ordnen

          Mit ihrer subtilen Symbolik zielen die Erzählungen zugleich auf den Kern der Dinge, hinter den kurzen, abgeschlossenen Erzählfiguren liegt häufig eine fast metaphysische Tiefe: „Er nimmt den Hörer des Telefons auf und überprüft das Freizeichen. Er tut es mehrmals an diesem Tag. Es gibt Worte, die mir fremd werden, denkt er plötzlich. Das Wort heute zum Beispiel.“ Jäckle selbst hat nicht das Gefühl, beim Schreiben auf der Suche nach einem Kern, nach dem Wesentlichen zu sein. „Bei mir läuft das Schreiben nicht so bewusst ab“, wehrt sie sich. Allerdings kürze sie ihre Texte so lange, bis das Wesentliche übrig bleibe. „Schreiben ist für mich eine Art, die Welt zu sortieren, die Welt erträglich zu machen, im Sinne von Konzentration und Filter. Ich neige dazu, zu Hause die Dinge ziemlich gerade in die Räume zu stellen.“

          Dann holt sie noch weiter aus: „Das Schreiben ist nicht nur Ordnen der Dinge, sondern auch meine Ordnung. Ich habe im Grunde nichts Konstantes in meinem Leben gehabt, nur die paar Stunden morgens und abends, in denen ich immer am selben Tisch gesessen habe.“ Beim Literaturwettbewerb in Klagenfurt, Nina Jäckle hatte in diesem Jahr mit der Erzählung „Buchenhofstaffel“ teilgenommen, erlebte die Autorin eine zermürbende Enttäuschung. Als erster Juror sprach Dennis Scheck. Seinem polternden Verriss wussten die anderen Jurymitgliedern kaum noch etwas entgegen zu setzen. Vielleicht vermittelt der Text seine Qualitäten zu subtil für das schnelle, häufig an inhaltliche Kriterien sich klammernde Urteil der Juroren.

          Robert Schindel, der sich in der Diskussion am stärksten für sie eingesetzt hatte, habe sie nach der Diskussion beiseite genommen, erzählt Jäckle. „Er sagte, zu einem richtigen Schriftsteller gehört auch, dass man wieder aufsteht.“ Nach einem Moment fügt sie mit leisem Stolz in der Stimme hinzu: „Und das habe ich dann auch getan.“ Zum Glück.

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