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Zweite Islamkonferenz : Die anderen Muslime

Die Frankfurter Rechtsanwältin Gönül Halat-Mec (re.) von der Fraueninitiative säkularer Musliminnen neben Innenminister Thomas de Maizière Bild: APN

Der neuen Islamkonferenz wurde nach dem Boykott zweier Verbände schon vorausgesagt, sie werde eine „ohne Muslime“. Weit gefehlt. Jenseits der bisherigen Katz-und-Maus-Spielchen könnte endlich eine neue Bürgerbewegung entstehen.

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          Nach den Schlagzeilen der letzten Tage zu urteilen steht die zweite Islamkonferenz, die am Montag zum ersten Mal zusammenkam, unter keinem guten Stern. Eine „Islamkonferenz ohne Muslime“ wurde schon prophezeit, weil zwei der größeren Verbände nicht am Tisch sitzen. Dieser Alarmismus übersieht, dass sich mit dem Boykott des „Zentralrates der Muslime“ ein Dachverband verweigert, der – positiv geschätzt nach dessen eigenen Angaben – etwa dreißigtausend Mitglieder hat und dreihundert Moscheegemeinden vertritt. Er stünde damit allenfalls für zwei Prozent der deutschen Muslime. Unter seinem Dach sind auch Vereine, die der Verfassungsschutz mit gutem Grund im Visier hat: wegen intensiver Verbindungen zur Moslembruderschaft, wegen islamistischer Programmatik oder nationalistischer Prägung.

          Regina Mönch
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Man könnte also auch sagen, dass zwei der problematischsten Verbände nicht teilnehmen. Die etwas scheinheilige öffentliche Besorgnis übersieht, dass Innenminister Thomas de Maizière auch zehn Muslime ins Plenum der Konferenz geladen hat, die offiziell keinen Verband vertreten, aber zum Teil durchaus Mitglied in einem sind. Die Frankfurter Rechtsanwältin Gönül Halat-Mec beispielsweise gehört zu einer Fraueninitiative säkularer Musliminnen – qualifizierte, selbstbewusste berufstätige Frauen, die sich nicht reduzieren lassen wollen auf ihre Religion, die sie für eine Privatsache halten, oder ihre ethnische Herkunft. Fromme Musliminnen wiederum haben sich in Köln zu einem „Aktionsbündnis“ zusammengefunden, deren eher feministisches Koranverständnis sich doch sehr vom orthodoxen der ausgeschiedenen Verbände unterscheidet. Ein Mitglied dieser Initiative, die künftige Religionswissenschaftlerin Tuba Isik-Ygit, sitzt ebenfalls im Plenum – und mit dem Politikwissenschaftler und Autor brillanter Essays zur Krise des Islam, Hamed Abdel-Samad, auch ein Dissident.

          Im Geschrei der geltungssüchtigen Verbände

          Die Deutsche Islamkonferenz versteht sich ohnehin nicht als Vertretung aller Muslime, sondern als Dialogforum des Staates mit Muslimen. Der Versuch, möglichst vielen verschiedenen Stimmen dieser großen, sehr heterogenen, aus vielen Glaubensrichtungen zusammengesetzten Gruppe Gehör zu verschaffen, ist allemal spannender als die ewig gleichen Katz-und-Maus-Spielchen von Aiman Mazyek (Zentralrat der Muslime) oder Ali Kizilkaya (Islamrat/ Milli Görüs) zu verfolgen. Wesentlicher wäre zudem eine Antwort auf die Frage, ob sich viele oder nur wenige Muslime angesprochen fühlen von diesem ehrgeizigen Projekt. Natürlich gibt es auch dazu längst Umfragen, die in ihren Aussagen etwa so zuverlässig sind wie die Angaben der orthodoxen Verbände über Mitgliederzahlen. Immer wieder haben Kritiker darauf hingewiesen, dass säkulare Muslime über keine Vertretung verfügen, die den religionspolitischen Islamverbänden entspräche. Dass ihre Interessen – etwa den Scharia-Islam zu überwinden – und ihr Religionsverständnis unterzugehen drohen im Geschrei der geltungssüchtigen Verbände, dem sie skeptisch bis fassungslos gegenüberstehen. Dieser Hinweis zeigt jetzt endlich Wirkung.

          Vertritt ein eher feministisches Koranverständnis: Religionswissenschaftlerin Tuba Isik-Yigit (l.) mit Familienministerin Kristina Schröder
          Vertritt ein eher feministisches Koranverständnis: Religionswissenschaftlerin Tuba Isik-Yigit (l.) mit Familienministerin Kristina Schröder : Bild: dpa

          Spätestens seit der ersten „Volkszählung“ durch das Bundesamt für Migration, nach der bis zu fünf Millionen Muslime in Deutschland leben, haben sich viele auf den beschwerlichen Weg gemacht, den orthodoxen Verbänden etwas Eigenes entgegenzusetzen. Man war überrascht, dass Deutschland, mangels einer dem Kirchenregister vergleichbaren Quelle, auf die Zählart islamischer Länder zurückgriff: Muslim ist man kraft Geburt. Wer aber nicht von der türkeiabhängigen Ditib, dem Zentralrat der Muslime und anderen ungefragt vereinnahmt werden will, muss selbst etwas tun: Das ist die Einsicht.

          Uns geht es um den säkularen Geist

          In Köln, Frankfurt, Duisburg, Münster, Aachen und anderen Städten haben sich darum Muslime entschlossen, sich zu organisieren. Fast ausnahmlsos sind es säkulare Muslime. Dezidiert nicht säkular will eigentlich nur die Lehrerin Lamya Kaddor sein, wobei nicht klar ist, wie sie das meint. Kaddor will jedenfalls keine Kulturmuslime in ihrem Verein. In Aachen hat sich Anfang Mai der „Verband Demokratisch-Europäischer Muslime“ (VDEM) gegründet, mit Islamwissenschaftlern wie Bassam Tibi und Reza Hajatpour. Sie versammeln emanzipierte Muslime, Intellektuelle, Wissenschaftler, Unternehmer, Ingenieure, Lehrer – Individualisten, die sonst eher Probleme mit einem Vereinsleben haben. Aber wie die anderen Neuen wollen sie wahrgenommen werden als Teil der europäischen Gesellschaft und nicht als Minderheit.

          „Uns geht es um den säkularen Geist, um junge Muslime, die in Europa nach ihrer eigenen Identität suchen und sich nicht mehr auf die Kultur und Tradition des Herkunftslandes der Eltern beziehen wollen“, sagt Reza Hajatpour. Diese säkularen Muslime vertreten natürlich keine Mehrheit, aber es werden immer mehr. Und dies könnte die erstaunlichste, weil unerwartete Nebenwirkung der Deutschen Islamkonferenz werden: eine neue Bürgerbewegung.

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