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Flüchtlinge in Deutschland : Zwei Tage im Leben des Mädchens Reem

Was zieht man an, wenn man plötzlich berühmt ist? Reem in ihrem Zimmer in Rostock-Evershagen Bild: GORDON WELTERS/The New York Times

Vor Angela Merkel kamen ihr die Tränen. Weil Reem von Deutschland träumt, so wie andere Kinder von einem Pony träumen. Porträt eines jetzt so bekannten vierzehn Jahre alten Mädchens.

          Nur blonde Kinderköpfe. Vielleicht fünfzig, vielleicht aber auch sechzig. Erleuchtet auf der Leinwand eines Kinos. Es ist die letzte Szene eines Films, in dem es um die Schule geht und eine Klasse, in die anscheinend nur blonde deutsche Kinder gehen. „Das ist doch nur ein Film“, sagt Reem zu mir, weil sie bemerkt, wie sehr mich dieses Meer der blonden Kinder irritiert.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ein Film könnte Reems echtes Leben auch sein. Das Drehbuch dazu ginge so: Die Kanzlerin trifft auf ein Mädchen ohne deutschen Pass, dann eine Frage, eine Antwort, Tränen, danach Interviews, Filme, bald auch ein Buch über das Mädchen. Die Schlusssequenzen sind noch offen, das Happy End, die Aufenthaltsgenehmigung, hat noch niemand geschrieben. Das ist Reems Leben. Zwei Tage habe ich es angeschaut.

          Am ersten Morgen ein Rostock-Evershagen-Panorama: Die Häuser dieses Viertels sind Riesen aus Beton. In einem der Giganten wohnt Reems Familie. Das zwölfte Stockwerk dieser Platte kratzt am verwaschenen und dunkelweißen Himmel. Am Eingang sind mehr als hundert Briefkästen verbaut.

          Normales Ausländer-Familien-Leben

          Im zweiten Stock sitzt Reem im Wohnzimmer zusammen mit ihren Eltern, Manal und Atef. Ranim, Reems kleine Schwester, läuft durch die Wohnung ihrem Bruder Ahmed hinterher. Die Eltern sprechen Arabisch, die Kinder miteinander Deutsch. Normales Ausländer-Familien-Leben. Zumindest bis es klingelt. Atef, Reems Vater, geht an die Tür, Manal bleibt sitzen, sie hat heute kein Kopftuch auf.

          Aus der Gegensprechanlage kratzt es bis in das Wohnzimmer hinein. Atef kommt wieder. Ein Journalist der „New York Times“, sagt er und fragt, ob Reem mit dem Mann sprechen will. Die Tochter, sie ist vierzehn, nickt dann, und das etwas zu cool für vierzehn Jahre. Atef öffnet die Tür, Reems Mutter, Manal, wirkt angespannt. Und dann passiert es. Die Frau erstarrt. Uneingeladen steht im Zimmer der „New York Times“-Reporter und merkt nicht, wie peinlich die Situation ist für Manal, eine Muslimin ohne Kopftuch, die nicht mit männlichem Besuch gerechnet hat. Vielleicht merkt er es doch, nach wenigen Sekunden ist er wieder verschwunden, er wird Reem in ihrem Zimmer interviewen.

          Manal bedeckt sofort ihr Haar und sagt, dass es am Anfang schwierig war für sie, in Rostock rauszugehen. „Niemand hat ein Kopftuch getragen auf der Straße. Alle haben mich angeschaut.“ Manal drückt die Buchstaben der deutschen Worte fest zusammen, so dass alles einen neuen Klang bekommt. Auch ihr Ehemann Atef spricht ein geschnürtes und gefärbtes Deutsch, er spricht jetzt über die Heimat.

          Schönes, melodisches und falsches Deutsch

          1948 sind die Großeltern von Atef und auch die Großeltern Manals aus Palästina in den Libanon geflohen. Und vor vier Jahren kam Atef mit seiner eigenen Familie wiederum aus dem Libanon nach Deutschland und hat „Asyl gemacht“, so sagt er es, wenn er „Asylantrag stellen“ sagen will. Atef weiß nicht, dass es falsch ist, und weiß auch nicht, dass sein „Asyl machen“ melodischer und schöner klingt als das formale, „gute“ Deutsch.

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