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Peter von Tresckows Illustration zur Erinnerung von Gisela Trahms Bild: Peter von Tresckow

Eine literarische Erinnerung : Zwei Paar Schuhe

  • -Aktualisiert am

Wie viel darf man gegenüber einen Schriftsteller preisgeben? Was, wenn man etwas auf keinen Fall durch fremde Worte verändert sehen will? Eine literarische Erinnerung.

          4 Min.

          Um vor der Lesung im Heine-Haus noch ein wenig mit ihm zu plaudern, hat die Leserin den Autor vom Zug abgeholt. Zusammen spazieren sie in die Altstadt und verirren sich in einen Imbiss, wo sie bei Hot Dogs und einer Art Kaffee ein Gespräch ver­suchen. Bislang haben sie nur gemailt.

          Der Schriftsteller ist weit gereist und erzählt Chinesisches über China. Zurzeit ist er mit seinem neuen Roman unterwegs, zuletzt in Basel. Viele Kritiker haben Lobendes über das Buch geäußert, auch der Leserin hat es gefallen, und Basel, ja! Dort hat sie vor vielen Jahren eine Schuhgeschichte erlebt. An einem heißen Sommersonntag, auf dem Weg vom Bahnhof ins Kunstmuseum, riss plötzlich das Riemchen, das ihre Sandale am Fuß hielt. Was nun? Geschäfte geschlossen, keine Schnur, nichts zum Festbinden dabei und also der Fuß am Ziel schwarz vor Baselstaub. Die Kassiererin schob ihr trotzdem ein Billett hin, und von der Garderobe her winkte lächelnd ein alter Mann, der verstand, was er sah, und anbot, die Ruine und das Pendant zu hüten.

          Denkt er an denselben Film wie sie?

          Also schlenderte sie befreit und barfuß durch die stillen Säle und saß in düsteren Gedanken lange vor Holbeins grün­lichem Christusleichnam. Schließlich suchte und fand sie die Toilette, wo tadellose Waschbecken leuchteten, und als sie mit zwei sauberen Füßen zur Garderobe zurückkehrte, hatte der alte Mann wie ein erfahrener Schuhmacher das Riemchen durch die Sohle getrieben und festgezwackt und sprach freundlich allerlei Mitfühlendes auf Baseldütsch, indes sie seine Hand drückte und viele Male „Mär-ci“ stammelte und wieder froh und lebendig wurde.

          Sehr weit liegt diese Geschichte zurück, und dass der alte Mann längst jenseits der Wolken wohnt, wird der Leserin erst beim Erzählen bewusst und verstört sie. Unruhig greift sie nach der auf dem Tisch liegenden Kappe des Autors, setzt sie auf und rollt die Augen, was den Autor amüsiert. Ob er dabei an denselben Film denkt wie sie, mag sein oder auch nicht: Sie lachen beide, da sie doch in diesem warmen, verlotterten Imbiss sitzen, Wasser mit Kaffee trinken und reden und reden. Zwischendurch denkt sie an den berühmten auteur des Films, der seine Schuhe bei einem anderen, strengeren Garderobier abgeben musste, und seufzt.

          Es dämmert schon, als sie den Weg zur Buchhandlung einschlagen. In den engen Gassen reiht sich Laden an Lädchen, Leuchtschriften blinken, viele Menschen sind unterwegs. Mitten im Strom steht eine junge spitzhaarige Punkerin und bittet um Euros. Ihre schwarzbestrumpften Beine enden in glänzend roten DocMartens mit offenen Schnürsenkeln, sicher neu, sicher teuer. Sie summt ein bisschen, lächelt aufmunternd und hält den Passanten einen leeren Kaffeebecher entgegen.

          Was in eine Geschichte passen könnte

          Später grübelt die Leserin, was dem Schriftsteller wohl durch den Kopf fuhr, als er nach ein paar Schritten plötzlich anhält und umkehrt, zurück zur Punkerin, wo er das Portemonnaie aus der Tasche zieht und ein paar Münzen in den Becher wirft. Aus Mitleid? Aber wieso? Munter und vergnügt steht sie in ihren Schuhen und schaut dem Autor in die Augen. Statt zu kellnern, hält sie den Becher hin. Nun, warum nicht? Die Leserin hätte einiges einzuwenden, der Autor ist es zufrieden, er zieht keine Grenze zwischen Buchstolz und Schuhstolz, sondern antwortet dem Augenblick, ohne zu räsonieren. Groß­mütig trägt er bei zu dem, was sie braucht und begehrt, während sie ihm ihren Anblick und ihren Witz bietet, ein gelungener Tausch. Vielleicht wird er sich eines Tages an sie er­innern, weil sie in eine Geschichte passt.

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