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Kolumne „Import Export“ : Zwangsheirat ist institutionalisierte Vergewaltigung

  • -Aktualisiert am

Die Schriftstellerin und F.A.S.-Kolumnistin Ronya Othmann Bild: akg-images / Susanne Schleyer

Themen wie Zwangsheirat müssen wieder in den Blick aller Feministinnen geraten. Schweigen, weil man befürchtet, rassistische Ressentiments zu bedienen, geht auf Kosten der Betroffenen.

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          Heute, wo man Tassen mit der Aufschrift feminist, kaufen kann, wo sich selbst Olaf Scholz als Feminist bezeichnet, wollen viele Feminist*innen das Feminist*in-Sein spezifizieren. Denn nicht überall ist Feminismus drin, wo er drauf steht (T-Shirts etwa, die von Frauen genäht werden, die keine zehn Cent die Stunde verdienen). Feminist*innen sind heute nicht mehr nur Feminist*innen, sie sind radikale, materialistische, 2., 3., 4. Welle Feminist*innen, Queer- oder intersektionale Feminist*innen. Intersektionaler Feminismus scheint gerade besonders im Trend. Intersektional, ein von Schwarzen Feminist*innen in den Vereinigten Staaten geprägter und in den hiesigen Diskurs importierter Begriff, will die Intersektionen verschiedener Diskriminierungsformen wie Sexismus, Rassismus und Klassismus in den Blick nehmen. Intersektionale Feminist*innen hört man oft Dinge sagen wie Privilegien checken, marginalisierte Stimmen sichtbar machen, Betroffenen zuhören.

          Ein Thema wie Zwangsheirat ist bei ihnen aber nicht so angesagt. Das mieft nach „Emma“-Feminismus, nach Frauen, die Gundula oder Ulrike heißen, weiße Haare haben und besonders gerne nichtweiße Frauen befreien. Intersektionale Feminist*innen werfen ihnen Rassismus und Paternalismus vor. Das wollen sie nämlich keinesfalls: Ressentiments der Mehrheitsgesellschaft, die Vorstellung von vermeintlich rückständigen Kulturen bedienen. Doch tut sich der intersektionale Feminismus keinen Gefallen, wenn er Themen wie Zwangsheirat ignoriert. Denn gerade hier laufen Intersektionen zusammen.

          Nicht jede arrangierte Ehe ist eine Zwangsehe

          Ich will von einer Frau erzählen, die ich hier Evin nenne. Ich habe sie vor zwei Jahren getroffen, als sie gerade von ihrem Ehemann geflüchtet war. Wenn man Evin sieht, – 19 Jahre, Mom-Jeans, T-Shirt, die Haare nach hinten gebunden –, dann denkt man an eine Frau, die gerade aus der Vorlesung oder dem Fitnessstudio kommt, nicht aber an eine Frau, die aus einer Zwangsehe geflohen ist. Die Ehe von Evin wurde nicht auf dem Standesamt geschlossen, sondern von einem ezidischen Geistlichen. Arrangiert hat sie ihre Mutter, mit einem zehn Jahre älteren Mann, der viel Geld für sie zahlte, mit dem sie nichts gemeinsam hatte und den sie nicht liebte.

          Nicht jede arrangierte Ehe ist eine Zwangsehe und nicht jede Zwangsehe eine Kinderehe. Evin war 17 Jahre, als sie verheiratet wurde. Ihre Mutter übte massiven Druck aus. Sie kontrollierte ihr Handy, schottete Evin immer weiter ab. Evin beugte sich dem Druck. Als sie nach zwei Jahren die Scheidung forderte, holte die Schwiegermutter einen Wunderdoktor, der kryptische Zeichen auf ihre Hand kritzelte und Formeln murmelte. Wenn keine Gefühle da sind, sagt Evin, kann man sie auch nicht herbeizaubern.

          Die Zahlen steigen in der Pandemie

          Evin ist nicht die Einzige. Ich weiß von Frauen, die unter falschem Vorwand nach Deutschland oder ins Ausland gelockt wurden, um verheiratet zu werden. Assyrische Christinnen wie muslimische Frauen, die in Zwangsehen gedrängt werden. Afghanische, kurdische, turkmenische Frauen. 2019 gab es hier 74 polizeilich erfasste Fälle von Zwangsheirat. Die Dunkelziffer dürfte viel höher sein. Unicef schätzt, weltweit werden jährlich zwölf Millionen Minderjährige verheiratet. In der Corona-Pandemie, mit geschlossenen Schulen und wirtschaftlichen Problemen, dürften die Zahlen noch steigen.

          Bei Zwangsheirat kommen die Intersektionen zusammen: Class, Race, Gender. Manche Frauen können nicht einmal lesen und schreiben. Sie wissen nicht, wo es Hilfe gibt, wie sie sich und ihre Kinder ernähren sollen. Aber es trifft auch Frauen wie Evin, in Deutschland geboren, aufgewachsen, Abitur, die davon träumte, zu studieren und Journalistin zu werden, vor allem aber das Leben zu genießen.

          Die Gründe für Zwangsheiraten sind vielfältig. Der Brautpreis, gezahlt von der Familie des Bräutigams, spielt eine Rolle. Früher war er durchaus sinnvoll, als Absicherung, sollte die Frau Witwe werden. Erlaubt ist in Deutschland nur ein symbolischer Betrag. Trotzdem gibt es heute Brautpreise von 35 .000 Euro. Ein anderer Grund für Zwangsehen: Bevor sie ihren guten Ruf oder gar ihre Jungfräulichkeit verliert, wird die Tochter lieber schnell verheiratet. Zwangsehen gibt es nur, weil eine Gemeinschaft sie unterstützt, toleriert und wegsieht. Natürlich gibt es Eltern, die ihre Töchter lieber fürs Studium nach Berlin schicken und ihnen nie vorschreiben würden, wen sie zu heiraten haben, geschweige denn einen Brautpreis zu verlangen. Es gibt auch Eltern, die sich verändern, weil sie sehen, die Freiheiten schaden ihren Töchtern nicht. Diese Eltern werden immer mehr. Es gibt jene, die Zwangsehen insgeheim ächten, aber den Mund nicht aufmachen, aus Angst, als Nestbeschmutzer dazustehen. Evin hätte Solidarität gebraucht, – sie ging unter familiärem Druck zurück zu ihrem Ehemann.

          Zwangsheirat, dieses Wort, das so nach ZDF-Spielfilm über tragische Frauenschicksale klingt, ist institutionalisierte Vergewaltigung.

          Der Kampf gegen Gewalt an Frauen sollte das Kerngeschäft des Feminismus sein. Bei all den Grabenkämpfen und Begriffsklaubereien: Themen wie Zwangsheirat müssen wieder in den Blick aller Feminist*innen geraten. Zu schweigen, aus Angst rassistische Ressentiments zu bedienen, geht auf Kosten der Betroffenen. Gerade intersektionale Feminist*innen, die anderen oft vorwerfen, sich nur um die Probleme von weißen privilegierten Frauen zu kümmern, können es sich nicht leisten, Zwangsehen zu ignorieren, wenn sie den eigenen Ansprüchen gerecht werden wollen. Denn das Wegsehen ist es, das Zwangsehen erst ermöglicht.

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