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Sehnsucht der Zuwanderer : Dieses Land ist nicht deutsch genug!

Russland, Türkei und Polen sind die perfekten Postkartenmotive

Die Heimat sehen deutsche Russen wie Wladimir und Kolja und wie die schmale Patriotin oder die deutschen Türken wie Tugay und das Kinderarztgesicht oder die deutschen Polen wie Katerina, wie Agatha, die Heimat sehen sie als einen Ort der Träume und der Wünsche. Sie kennen das Leben in den Ländern nicht. Sie leben die Erinnerung an ihren Urlaub, ihre Jugend. Russland und Polen und Türkei sind so Projektionsflächen, sind so perfekte Postkartenmotive.

Doch warum sind die Bilder auch politisch, warum sind Putin, Erdogan, Kaczynski da zu sehen? Das Heimweh dieser Ausländer ist nicht nur eins nach Straßen, Wäldern, nach dem Meer, sondern auch ein Heimweh nach jemandem, der Verantwortung für sie übernimmt. So einer ist Wladimir Putin, ist Recep Tayyip Erdogan, ist Jarosław Kaczyński. Autoritäres gehört zu ihrer alten Heimat, gehört deshalb zu ihrem Heimweh. Auch sind die Fehler des Autoritären aus deutscher Ferne schlecht zu sehen.

Sichtbar sind deutsche Fehler. Diskriminierung, ja. Ausländer wollen Teil von Deutschland sein, Deutschland lässt aber nicht alle Teil des Landes sein. Und das ist tragisch und ist hart, doch auch kein Grund, zum Beispiel zu Erdogan zu beten. Denn es gibt viele deutsche Türken, die trotz Ausgrenzung auf die Welt anders schauen können. Deshalb ist es nicht die Diskriminierung, die Ausländer in ihre Sehnsucht nach der alten Heimat treibt. Es sind auch nicht die anderen Gründe, die sie sagten. Die Sehnsucht überkommt sie nicht, weil Deutschland so rassistisch ist oder nicht deutsch genug, unchristlich, bunt, schwul, islamfreundlich, islamfeindlich. Nein. Der deutsche Fehler ist, dass dieses Land den Ausländern und Kindern von Ausländern das verweigert, was es den Deutschen auch verweigert: den Patriotismus, einen Nationalstolz.

Deutschland ist kein Land der Emotionen

In den verspannten Umgang mit der deutschen Schuld wird sich ein Undeutscher nie integrieren können. Doch hätten Deutschpolen, Deutschtürken und Deutschrussen die Möglichkeit gehabt, ganz unschuldig deutschen Patriotismus zu empfinden, dann hätten sie vielleicht keinen polnischen, keinen türkischen, keinen russischen in ihrem oft erwähnten Herzen. Denn dieses rasende Ausländerherz braucht einen Stolz, die glühende Liebe zu einem Land – es will das Land auch fühlen. Doch Deutschland ist ein Land der Ordnung, der guten Straßen und Arbeitsmöglichkeiten, kein Land der Emotionen.

„Die Menschen, die zu mir kommen, wollen Liebe. Wenigstens eine Stunde. In Deutschland liebt man nicht genug“, so hat Agatha vor der Kirche ihren Beruf, die Sexarbeit, erklärt. Ja, in Deutschland liebt man nicht genug. Und das erklärt, warum sich Ausländer und Kinder von Ausländern nach ihrer alten Heimat sehnen, warum manche rechts wählen, rechts denken, für Autoritäres demonstrieren. Das muss man kalt und deutsch ertragen. Denn besser ist ein Land ohne Patriotismus, als eins, in dem Patriotismus zum bösartigen, chauvinistischen Nationalismus wird. Das sieht man, wenn man Kaczyński, Putin, Erdogan zusieht. Und ihren Patrioten.

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