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Sehnsucht der Zuwanderer : Dieses Land ist nicht deutsch genug!

„Man muss die Heimat ehren“

Den Hass auf deutsche Medien hört man auch in Berlin – an einem anderen grauen Tag, am Tag des gefallenen Vaterlandsverteidigers. Ein Feiertag in Russland. In Deutschland – vor dem Mahnmal der gefallenen Rotarmisten – auch. Ein Meer von dunklen Regenschirmen bewegt sich vor dem Monument. Die Menschen legen Blumen nieder. Zwei machen Selfies, die Russlanddeutschen Wladimir und Kolja.

Warum sind sie an diesem Mahnmahl?

„Man muss die Heimat ehren“, sagt Kolja. Mit sieben kam er nach Deutschland, das war vor 20 Jahren.

Warum ist Russland immer noch die Heimat?

„Das will die Seele so“, sagt melancholisch Wladimir, auch er lebt seit den Neunzigern in Deutschland. Dann geht es schnell: Kolja erklärt seinen Hass auf die deutsche Presse. So wie Tugay spricht auch der dünne, große Wladimir von seinem Präsidenten – Putin. Kolja und Wladimir sind leidenschaftlich patriotisch.

Doch warum sind sie keine deutschen Patrioten?

„Überall Flüchtlinge, die Schwarzen!“, sagt Kolja. „Deutschland ist nicht mehr deutsch genug.“ Sein Satz: ein Phänomen, das sehr verbreitet unter Russlanddeutschen ist. Sie sehen sich selbst als echte, wahre Deutsche, weil sie in Russland schon als Deutsche galten, diskriminiert wurden deshalb. Das Phänomen erklärt, warum die AfD auch viele Russlanddeutsche wählen.

Elektroschocker sind im Angebot: statt 69,99 nur 56 Euro

Ein anderes Phänomen zeigt sich zwei Stunden später. Es heißt „Rodnik“. Der Katalog eines deutsch-russischen Versandhandels für den deutsch-russischen Geschmack. Sessel mit Gold, mit Ornamenten. Im gleichen Stil: Gardinen, Lampen, Tücher. Die letzten Seiten widmen sich Schreckschusspistolen, Pfefferspray, Elektroschocker, die sind im Angebot: statt 69,99 nur 56 Euro. Auf dieses Angebot starrt eine alte Dame. Sie wartet auf das Treffen einer deutschrussischen Frauengruppe. Zuerst Gesang, danach Gedichte, dann Gespräche. Die Katalogdurchblätterin ist Ende siebzig und so rund, wie eine russische Babuschka rund sein soll. Sie kam vor mehr als 50 Jahren, sagt sie, und kommt sehr schnell zum Präsidenten: „Wenn es Putin nicht gäbe, was wäre dann mit Russland?“, sagt die Runde und antwortet sich selbst: „Immer, wenn Russland aufersteht und stark wird, stürzen sich alle auf das Land. Jetzt geht es wieder los. Wenn die Russen nicht solche Patrioten wären, dann gäbe es das Land vielleicht nicht mehr.“

Auch Russlanddeutschen zeigen sich auf Straßen: Eine Demonstration am 23. Januar 2016 in Berlin. Grund war die ausgedachte Vergewaltigung einer deutschrussischen Minderjährigen.
Auch Russlanddeutschen zeigen sich auf Straßen: Eine Demonstration am 23. Januar 2016 in Berlin. Grund war die ausgedachte Vergewaltigung einer deutschrussischen Minderjährigen. : Bild: dpa

Rechts von der Runden sitzt eine andere Patriotin, sie nickt, lebt schon seit 24 Jahren in Deutschland. Doch sie will jetzt zurück, ans Meer, vielleicht die Krim, ein kleines Häuschen.

Warum?

„Mich hält hier nichts, mein Mann ist tot, mein Herz ist russisch“, sagt diese kleine, schmale Patriotin mit breiten Träumen in den Augen. Dann sagt sie, was in Deutschland falsch läuft: „Man traut sich kaum noch auf die Straße.“ Das liegt an diesen „Sozialtschiki“, so nennt die Dame Sozialhilfeempfänger, die meisten seien Ausländer, seien kriminell.

Ist das der Grund, warum die schmale Patriotin keine deutsch-patriotischen Gefühle hat? Liebt sie denn nichts an Deutschland?

„Ich mag die deutsche Ordnung!“, sagt sie und dann, dass es ihr deshalb schwerfallen würde, wieder einen russischen Alltag zu leben, zu überleben. „Vielleicht muss ich nach Russland, um meine Sehnsucht zu kurieren“, sagt sie, und sie hat recht.

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