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Sehnsucht der Zuwanderer : Dieses Land ist nicht deutsch genug!

Warum?

„Die Flüchtlinge zum Beispiel! Wir mussten alles selbst erarbeiten, ohne irgendein Willkommensschild. Und die kommen und bekommen jetzt Geschenke“, sagt sie als Schlag zum Schluss, denn es trifft seltsam auf den Kopf, wenn Ausländer ausländerfeindlich sind.

Sichtbarer als die deutschen Polen sind deutsche Türken: Auf einer Demonstration in Köln halten sie im vergangenen Jahr das Bild des Präsidenten hoch.
Sichtbarer als die deutschen Polen sind deutsche Türken: Auf einer Demonstration in Köln halten sie im vergangenen Jahr das Bild des Präsidenten hoch. : Bild: AP

In Deutschland sind die Polen Unsichtbare, und ihre Liebe zu dem neuen polnischen Nationalismus, den PiS erweckte, bleibt unbemerkt, weil sie ihre Gefühle kaum auf Straßen zeigen. Anders als manche deutschen Türken. Es ist ein Sonntag in Hannover. Tugay, ein junger runder Mann, er trägt einen dunklen lichten Bart, hat eine Kundgebung gegen Islamhass und Türkenhass geplant. Durch den grauweißen Regenhimmel ziehen Flaggen, die roten der Türkei. Es werden immer mehr. Mehr Flaggen und mehr Menschen.

„Wir konnten uns nie als Deutsche fühlen“

Stolz sitzt auf Tugays kindlichem Gesicht, er grüßt wie ein Vorstandsvorsitzender, dann redet er: „Mein Präsident“, sagt er, meint Erdogan.

Warum ist Erdogan sein Präsident, was für einen Pass hat Tugay?

„Es steht nicht in einem Pass, wo mein Herz hingehört, es steht in meiner Brust und in meinem Kopf. Und ich fühle mich eher zur Türkei hingezogen.“ Das Herz, es kam schon bei der Polin Katerina vor. Doch anders als die Superblonde ist Tugay hier geboren, seine Türkei kennt er nur aus dem Urlaub.

Und wieder das Warum: Warum kann er Deutschland nicht lieben, so wie er die Türkei liebt? Ist daran Deutschland selber schuld?

„Wir konnten uns nie als Deutsche fühlen. Wir wurden immer ausgegrenzt, schon in den Schulen fing das an. Da nannte man uns die Kanaken. Wir wurden immer ausgegrenzt. Immer. Egal wo.“ Die Sprache Tugays ist gespitzt, sie kommt geschossen aus dem Mund. Als erste Antwort darauf, was er an Deutschland schätzt, sagt er: „Infrastruktur“ und dann „die Menschen eigentlich“. Doch gute Straßen und eigentliche Menschen sind zu abstrakt, um etwas Patriotisch-Deutsches zu empfinden.

Die Demo klingt wie ein Pegida-Montag

Die Demonstration beginnt, sie klingt wie ein Pegida-Montag. Die deutschen Medien seien gleichgeschaltet, verlogen, diktatorisch, das sagen viele Redner, oft und laut. Ein Mann mit graumeliertem Haar, einem Kinderarztgesicht und Riesenflagge steht an den Boxen. Auch er spricht in perfektem Deutsch von seinem Präsidenten Erdogan – und das, obwohl er schon seit 42 Jahren in Deutschland lebt; er atmet türkischen Patriotismus aus, zieht auch die Opferkarte, sagt: „Egal, was wir machen, wir werden hier nie akzeptiert.“

Das stimmt vielleicht. Und doch ist dieses Zuerst-ausgegrenzt-werden-deshalb-sich-selber-abgrenzen zu einfach. Denn es erklärt nicht, warum das Kinderarztgesicht sich aufgebracht zusammenzieht, wenn es um Deniz Yücel geht und um Can Dündar: „Das sind Verräter. Staatsverräter. Und dafür sollen sie belangt werden. Und wenn man solchen Terroristen, Straftätern, Asyl gewährt, dann ist man auf der anderen Seite.“

Woher kommt diese Weltsicht? Ist daran die Diskriminierung schuld? Ist daran Deutschland schuld? Zumindest sind die deutschen Medien sehr schuldig, das weiß man nach zwei Stunden unter dem grauen Himmel von Hannover.

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