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Zurückgehaltenes Wissen : Die Einsamkeit des Michael Buback

  • -Aktualisiert am

Der Tatort: Karlsruhe, 7. April 1977 Bild: dpa

Die Ermittlungen im Fall Siegfried Buback sind ein Musterbeispiel dafür, wie die Recherchen des geschlossenen Systems von Polizei und Justiz in die Sackgasse laufen. Erst der Sohn des Mordopfers brachte mit seinem Buch die Ermittlungen wieder in Bewegung, wenn auch auf ungewöhnliche Weise.

          Gegen Ende meines Besuchs bei Michael Buback in diesem Frühjahr musste ich ihm widersprechen. „Was kann schon ein Buch?“, beschwerte er sich. Jetzt ist es erschienen, wird besprochen - aber die Behörden und die Täter übertönen sich gegenseitig in ihrem Schweigen. Nichts werde geschehen, befürchtete er, denn Wissen ohne Macht sei nichts wert.

          Ich hatte, ohne ihn vorher zu kennen, sein Buch „Der zweite Tod meines Vaters“ für die F.A.Z. rezensiert ( siehe Wer schont die Mörder von Siegfried Buback? ) und musste ihm schon aus berufsethischen Gründen widersprechen. Ich mahnte ihn zur Geduld und fand spontan ein, angesichts der Opfer, leider ungeschicktes Bild: Es sei wie mit dem alten Kölner Archiv. Sein Buch habe Brunnen im Grund geöffnet, das ganze Gebäude werde darin versinken. Michael Buback ist ein zu höflicher Mensch, um mich direkt auszulachen, aber seine Frau Elisabeth, eine passionierte Leserin, schien immerhin auf meiner Seite.

          Eine Dame verschwindet

          Das Gebäude, das ist im Fall um die verzögerte Aufklärung des Mordes an Siegfried Buback nicht bloß der Komplex um die Frage, wer geschossen hat. Das Gebäude, und das ist der Teil, der uns alle dringend angeht, das ist jene Vertuschungsarchitektur, die Bubacks Buch grell beleuchtet: Schon einen Tag nach dem Attentat begann eine Operation, die man, frei nach Hitchcock, „Eine Dame verschwindet“ nennen kann. Und das geschah nicht irgendwo im Dunkeln, sondern in der Tagesschau: Werden noch am 7. April 1977 mehrere Männer und eine Frau gesucht, so präsentiert bereits am 8. April der damalige leitende BKA-Ermittler Gerhard Boeden ein Set von drei neuen Verdächtigen: Christian Klar, Günter Sonnenberg und Knut Folkerts. Die Erkenntnisse, die über Nacht zu dieser Wandlung des gesuchten Personals geführt haben, sind bis heute unbekannt.

          Verena Becker am Freitag vergangener Woche in den Räumen des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe

          Nur weil Elisabeth Buback seit Jahr und Tag ein Zeitungsarchiv, schön analog mit Kleber und Schere, führt, war es ihnen möglich gewesen, nachzuvollziehen, dass die Berichte, etwa in der „Welt“ vom 9. April 1977, von der möglichen Tatbeteiligung einer Frau künden, die späteren aber nicht. Und es findet sich dort auch die „Bild“-Meldung von der Verhaftung von Günter Sonnenberg und Verena Becker in Singen, darüber die Schlagzeile: „Buback- Mörder“. Aber wer rechnet damit, dass „Bild“ mal recht hat?

          Wer Bubacks Buch liest, das in der kommenden Woche auch in einer erweiterten Taschenbuchausgabe erscheint, folgt einer sich permanent verflüchtigenden Spur: Becker verschwindet aus Fahndungsaufrufen, aus der Berichterstattung und schließlich aus den Strafverfahren: Sie wird ausschließlich wegen der Schüsse bei ihrer Festnahme zu zweimal lebenslang und noch einmal dreizehn Jahren Haft verurteilt. Verbüßen muss sie davon neun, wesentlich weniger also als andere Mitglieder der RAF. Dann wird sie begnadigt.

          Vom systemkonformeren Bundesbürger zum Querulanten

          Es gab, so Bubacks These, das deutliche Bestreben weniger Personen in Geheimdienst und Strafverfolgungsbehörden, Verena Becker möglichst aus dem Verfahren herauszuhalten. Warum, das ist noch nicht klar. Man kann auch die These prüfen, ob diese Personen weniger Becker als vielmehr sich selbst schützen wollten, womöglich hatte es früher einmal Kontakte der Dienste zu ihr gegeben - die „Bewegung zweiter Juni“ war durchsetzt mit Spitzeln -, und wie stünden die da, mit einer V-Frau, die die Seiten wechselt und den Generalbundesanwalt angreift?

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