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Herzl-Preis für Angela Merkel : Haben wir verstanden?

Ronald Lauder und Angela Merkel bei der Verleihung des Theodor-Herzl-Preises in München. Bild: AFP

Angela Merkel wird vom Jüdischen Weltkongress der Theodor-Herzl-Preis verliehen. Als Zeichen eines Vertrauens, das sich dieses Land erst wieder verdienen muss. Das wurde beim Festakt in München deutlich.

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          Canary in a coal mine. Ein Kanarienvogel im Bergwerk. Das ist das Bild, das Ronald Lauder aufruft, wenn er daran denkt, wie es jüdischen Menschen in Deutschland heute geht. Sie sind wie die Grubenvögel, die als Erste spüren, wenn die Luft dünn wird: Erst sind sie dran, dann alle anderen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Lauder hätte sich nicht träumen lassen, dass er bei einem Besuch in Deutschland, das er als Schüler in Bad Reichenhall kennengelernt hat, dessen Sprache er spricht und dessen Denker und Künstler er schätzt, einmal so empfände. Knapp fünfundsiebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, des NS-Regimes und dem Massenmord an den europäischen Juden fühlen sich jüdische Menschen, die überlebt haben, geblieben oder neu hinzugekommen sind, hier nicht mehr sicher. „Jeder dritte Jude auf der Welt wurde damals ermordet“, sagt Lauder und blickt aus dem Fenster in den trüben Münchner Oktoberhimmel. Er kommt gerade aus Halle, wo er die jüdische Gemeinde und das türkische Restaurant besucht hat, die der rechtsextremistische Attentäter Stephan Balliet angriff und wo dieser zwei Menschen ermordete. „Nie wieder, hat es geheißen“, sagt Lauder. Gilt das noch?

          Am Abend wird der Präsident des Jüdischen Weltkongresses diese Worte noch einmal wiederholen. Er hält eine Laudatio auf Angela Merkel, die den Theodor-Herzl-Preis erhält, benannt nach dem österreichischen Schriftsteller Herzl, der schon vor mehr als hundertzwanzig Jahren ahnte, dass Europa für Juden zu einer tödlichen Falle werden könnte und sie einen jüdischen Staat als Fluchtpunkt bräuchten. Es ist die höchste Auszeichnung, die der Jüdische Weltkongress Persönlichkeiten verleiht, die sich in besonderer Weise um jüdisches Leben verdient gemacht haben. Daran lässt im Fall der Bundeskanzlerin an diesem Abend im überfüllten Festsaal des Jüdischen Gemeindezentrums in München niemand der Redner einen Zweifel. Nicht Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern, nicht Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, und auch nicht Ronald Lauder, der unter Ronald Reagan Botschafter seines Landes in Österreich war und die deutsche Politik, angefangen bei Helmut Kohl, auf dem diplomatischen Parkett kurz vor der deutschen Einheit kennenlernte.

          Ronald Lauder bei seiner Rede in München.

          Das war ein anderes Land. Heute registriere er Furcht und Wut, sagt Lauder, der auch zum aktuellen Präsidenten der Vereinigten Staaten direkten Zugang hat. Angela Merkel sei die Hüterin der Demokratie, der Zivilisation und Europas, erklärt Lauder in seiner Festrede. Sie stehe an der Seite Israels, sei ein Garant gegen Unsicherheit und Irrationalität, gegen Extremismus und Hass, gegen Rassismus und Antisemitismus. Möge sie noch lange regieren.

          Mehr Emphase geht kaum. Sie prägt auch den zweiten Teil der Rede, an der Lauder noch am Abend zuvor, unter dem Eindruck seines Besuchs in Halle und des Wahlergebnisses in Thüringen, gearbeitet hat. Mehr als jeder vierte Deutsche, so hat eine Umfrage ergeben, die der Jüdische Weltkongress vor dem Attentat in Halle durchgeführt hat, teilt tiefsitzende antisemitische Vorurteile. Fast die Hälfte ist davon überzeugt, dass Juden eine größere Loyalität gegenüber Israel als gegenüber Deutschland empfinden, mehr als ein Viertel meint, Juden hätten in der Wirtschaft und der internationalen Politik zu viel Macht. Und „in dem Land, das historisch für den Holocaust verantwortlich ist“, denken 41 Prozent, Juden sprächen zu viel über das Menschheitsverbrechen. Nur eine Tür verhinderte, dass der Attentäter von Halle am Tag von Jom Kippur in die Synagoge eindringen konnte. Nur die Tür und ein mutiger junger Mann namens Roman Yossel Remis, der Vorbeter, der die Gemeinde anleitete, sich zu verbarrikadieren. Kein Polizist beschützte die Synagoge. „Ein altes jüdisches Gebetshaus, das sogar die Nazis überlebt hat, wurde seinem Schicksal überlassen. Es blieb allein, unbewacht und schutzlos dem Hass ausgesetzt“, sagt Lauder: „Das wiegt schwer.“ Schwer wiegt für ihn auch, dass ein syrischer Flüchtling, der kürzlich, mit einem Messer bewaffnet, in Berlin in eine Synagoge stürmte und antisemitische Drohungen ausstieß, nach wenigen Stunden wieder freikam. „Das ist inakzeptabel.“

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