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Serebrennikows Verhaftung : Sie führen ihn im Käfig vor

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Der Leiter des Moskauer Gogol-Theaters Kirill Serebrennikow im Käfig in Moskau Bild: dpa

Die Verhaftung des Regisseurs Kirill Serebrennikow ist eine Demonstration der Macht. Mitten in der Nacht wurde er von St. Petersburg nach Moskau geschafft und dem Richter vorgeführt. Alle sollen sehen, dass der Staat den Kulturbetrieb im Griff hat.

          Der Regisseur Kirill Serebrennikow wurde in Petersburg beim Dreh seines Films verhaftet. In der Nacht wurde er in einem Kleinbus nach Moskau gefahren, Fahrzeit neun Stunden, und dort dem Richter vorgeführt. Fünf maskierte Männer führten ihn in Handschellen in den Gerichtssaal und steckten ihn in einen Käfig. Der imposante Starregisseur im Käfig mit einer Plastiktüte in der Hand ist ein starkes Bild, aber man hat sich in Russland inzwischen an solche Bilder gewöhnt. Die Richterin stellte Serebrennikow bis zum 19. Oktober unter Hausarrest. Ob er zur Arbeit im Gogol-Center gehen darf, entscheiden die Ermittler. Sein Film wird vorerst nicht weitergedreht, seine Inszenierung von „Hänsel und Gretel“ an der Stuttgarter Oper wird am 22. Oktober ohne ihn Premiere haben.

          Dem Regisseur wird vorgeworfen, er habe knapp hundert Millionen Rubel, also zirka anderthalb Millionen Euro staatlicher Fördergelder veruntreut. Die Anschuldigung ist absurd, nicht nur angesichts des guten Rufs von Kirill Serebrennikow. Vor zwei Monaten wurde der frühere Direktor des Gogol-Centers, Alexej Malobrodskij, in U-Haft gesteckt. Das Gericht stellte fest, Serebrennikows Inszenierung von „Ein Sommernachtstraum“ habe nie stattgefunden, dabei läuft das Stück seit fünf Jahren mit großem Erfolg. Dennoch ist die Vorstellung, dass es in den Finanzen Regelverstöße gegeben hat, nicht ganz unrealistisch. Die primäre Aufgabe der russischen Gesetzgebung ist nicht, etwas zu regeln, sondern die Befolgung der Regeln prinzipiell unmöglich zu machen, damit jeder bei Bedarf strafrechtlich verfolgt werden kann. Also wird in vielen Sphären nicht strikt nach Vorschriften gehandelt, immer auf eigenes Risiko. Selbst wenn es in Serebrennikows Theater Unregelmäßigkeiten gab, sind sie nicht der Grund für seine Verfolgung, sondern nur ein Mittel dazu.

          Die Show hat Wirkung gezeigt, die Zuschauer sind beeindruckt

          Die Verhaftung selbst war demonstrativ finster und theatralisch. Fast zwingend muss jeder, der die russische Kulturgeschichte kennt, an das Schicksal des berühmten Theaterreformers Wsewolod Meyerhold denken. Im Sommer 1939 wurde der sechsundsechzigjährige Regisseur, der in Moskau lebte, in Leningrad verhaftet, nach Moskau gebracht, gefoltert und anschließend hingerichtet. Das Verfahren gegen Serebrennikows Theater läuft schon seit einigen Monaten, der Künstler selbst wurde bereits als Zeuge vernommen und sein Reisepass mit der Begründung eingezogen, er könne gefälscht sein. Rechtlich gesehen gab es keinen Grund, Serebrennikow zu verhaften, schon gar nicht in Sankt Petersburg.

          Alexander Solschenizyn beschreibt in „Archipel Gulag“, mit wie viel Lust und Kreativität Stalins Schergen Verhaftungen ahnungsloser Opfer inszenierten: Manche wurden mitten in der Nacht aus dem Bett geholt, einige mit Fieber aus dem Krankenhaus oder sogar blutend vom OP-Tisch, man wurde beim Einkaufen verhaftet, vom Elektriker oder vom Schaffner. Die Stelle aus „Archipel Gulag“, auf die der Journalist Leonid Parfenow im Zusammenhang mit Serebrennikow aufmerksam machte, wurde auf Facebook tausendfach geteilt.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Die Show hat Wirkung gezeigt, die Zuschauer sind beeindruckt. Während der Anhörung demonstrierten einige hundert Menschen vor dem Gerichtsgebäude, mehrere prominente Künstler bürgten für Serebrennikow. Inzwischen gibt es Unterstützungsschreiben auch aus dem Ausland, etwa von der Europäischen Filmakademie.

          Es geht um Kontrolle über den gesamten Kulturbetrieb

          Offen bleibt nur die Frage nach dem Grund für Serebrennikows Verfolgung. In Deutschland wird der Regisseur oft als Kremlkritiker bezeichnet, dabei ist er von anderer Seite auch schon dafür kritisiert worden, sich zu wenig an Protesten zu beteiligen. Aber in Russland reicht es schon, dass er als Leiter eines staatlichen Theaters und als internationale Berühmtheit kein Kreml-Befürworter ist und sich dazu noch die Frechheit leistet, frei mit Themen wie Sexualität, Religion oder Stalinismus umzugehen. Das wird als ein grober Verstoß gegen die staatliche Quasiideologie gewertet, die sogenannten traditionellen Werte, von Putin „geistige Klammern“ genannt. Ironischerweise stammt dieser Ausdruck ebenfalls von Alexander Solschenizyn.

          Dazu kommen die Rivalitäten verschiedener Machtgruppen: Früher hatte Serebrennikow mächtige Unterstützer im Kreml. Jetzt nicht mehr. Zu seinen Gegnern zählen Wladimir Putins angeblicher Beichtvater Bischof Tichon Schewkunow und der nationalkonservative Kulturminister Wladimir Medinskij. Letzterer wird in Russlands Künstlerkreisen vor allem als durchgeknallter Prediger eben jener „Klammern“ wahrgenommen und als Funktionär fatal unterschätzt. In einem Interview kurz nach Serebrennikows Verhaftung sagte Medinskij selbstentlarvend, er habe Insider-Informationen, dass die Ermittlungen kein Auftrag von oben sind. Und fügte einen erstaunlich glaubwürdigen Satz hinzu: „Wir als Ministerium werden die Kontrolle über die Fördermittel verschärfen.“ Damit ist alles gesagt: Es geht um Kontrolle über den gesamten Kulturbetrieb.

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