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Verhaftete Schriftstellerin : Asli Erdogan spricht aus, worüber andere schweigen

Sie beschreibt, was das Regime des türkischen Präsidenten ausmacht: Asli Erdogan. Bild: Andreas Pein

Asli Erdogan schrieb vehement an gegen Intoleranz und Gewalt, für die das Regime des türkischen Präsidenten steht. Nun sitzt sie im Gefängnis. Eine Stimme wie ihre darf nicht verstummen.

          Wie schön war das Bild, das die Türkei im Oktober 2008 von sich zeichnete, damals, als das Land Ehrengast der Frankfurter Buchmesse war. Das Ehrengast-Logo war ein Fest der Farben; ein Mosaik, von dem die geladenen türkischen Regierungsvertreter sagten, es symbolisiere das gleichberechtigte Nebeneinander der verschiedenen Kulturen und Stimmen in der Türkei. Die Autoren, mit denen man sich schmückte, wussten freilich, dass das schöne Selbstporträt eher ein Zerrbild war – nicht wenige von ihnen wurden damals von türkischen Nationalisten mit dem Tod bedroht. Auch die Ausstellung im Gastlandforum zeigte Ankaras Schönfärberei. Sie präsentierte Schriftsteller wie Yasar Kemal oder den Lyriker Nazim Hikmet, deren Werke der türkischen Literatur Weltruhm beschert haben. Dass viele der vorgestellten Autoren ihr Schreiben und ihr Engagement mit Verfolgung und hohen Gefängnisstrafen bezahlen mussten, blendete die Schau aus. Einige dieser Schicksale scheinen sich nun zu wiederholen.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Seit dem Putschversuch am 15. Juli sind in der Türkei fast 40.000 Menschen festgenommen worden. Am Mittwoch waren die Journalisten der pro-kurdischen „Özgür Gündem“ dran: Ein türkisches Gericht hat die Zeitung verboten, weil sie Propaganda für die PKK betreibe. Die Polizei nahm 23 Mitarbeiter der Zeitung fest. Unter ihnen ist auch die bekannte Schriftstellerin Asli Erdogan, die Kolumnen für „Özgür Gündem“ verfasst hatte und die im Beirat der Zeitung ist.

          Vorgetäuschte Toleranz der Regierung

          Auf jener Buchmesse in Frankfurt, auf der sich die Türkei so tolerant gab, hatte ich Asli Erdogan kennengelernt. Einer ihrer Romane war gerade ins Deutsche übersetzt worden und unter dem Titel „Die Stadt mit der roten Pelerine“ im Schweizer Unionsverlag erschienen. Ich traf Asli Erdogan für ein Interview; eine zierliche, scharfsinnige Frau mit rotbraunen Locken, die kraftvoll, aber auch scheu und innerlich stark verwundet wirkte. Diese irritierende Ambiguität hatte, wie ich später verstand, das gesellschaftlichen Klima in der Türkei mit der damals Einundvierzigjährigen angerichtet. Denn eine Stimme wie jene von Asli Erdogan, die sich keinen Konventionen beugt und keine Tabus akzeptiert, erträgt die türkische Gesellschaft nicht. Eine solche Stimme wird bekämpft; sie wird ausgegrenzt, gesellschaftlich und beruflich, und wenn das nicht ausreicht, um die betreffende Person zum Schweigen zu bringen, dann arbeitet man eben mit körperlicher Gewalt. All das hatte Asli Erdogan, als ich sie 2008 traf, erfahren. Bei einer polizeilichen Festnahme hatte sie so schwere Verletzungen erlitten, dass sie bis heute auf Medikamente angewiesen ist und immer wieder eine Halskrause tragen muss, so auch bei unserem Gespräch auf der Buchmesse.

          Asli Erdogan ist eigentlich Physikerin, schon mit 24 Jahren forschte sie am Cern in Genf über die Higgs-Partikel. Anfang der neunziger Jahre wandte sie sich ganz dem literarischen und journalistischen Schreiben zu. Liest man ihre autobiographisch geprägten Romane, dann begegnet einem eine Frau, deren unabhängiger Geist sie immer wieder an den Rand des Abgrunds bringt. Beschäftigt man sich mit ihrem Leben als Journalistin, lernt man viel darüber, wie die türkische Gesellschaft funktioniert.

          Folter und Gewalt gegen Frauen

          Nach einem längeren Aufenthalt in Südamerika, wohin Asli Erdogan ging, weil sie sich in der Türkei bedroht fühlte, schrieb sie von 1998 bis 2001 als Kolumnistin für die linksliberale „Radikal“. Sie berichtete von den Bedingungen in türkischen Gefängnissen, von Folter, Gewalt gegen Frauen und prangerte die staatlichen Repressionen gegen Kurden an – Themen, über die damals in der Türkei noch nicht gesprochen wurde. Journalisten anderer Zeitungen fielen deshalb geradezu über sie her – die türkische Gesellschaft ist geprägt von tiefen sozialen und gesellschaftlichen Gräben. Anstatt die Spaltung zu überwinden, kultivieren gewisse türkische Medien sie.

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