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Der böse Baum : Die Täterlogik des Hitzesommers

Tiefe rotbraune Farbe: ein im Herbst verwelktes Eichenblatt Bild: Getty

Der Baum ist Opfer der Hitze, wir sowieso. Was aber heißt es für den Klimawandel, wenn wir erfahren, dass die Eiche Wasser verschwendet? Zur Täterfrage in Zeiten des Klimawandels.

          Wie lange diese Hitze halten wird, ob es jetzt schon richtig losgeht mit dem Sommer oder ob der richtige Sommer doch erst im Juli kommt, das sind alles so Fragen, die zwar immer noch richtig sind und gestellt werden müssen, die aber irgendwie auch wie verdorrte Pflänzchen in der Trümmerlandschaft stehen. Hinübergerettet aus der Zeit, als die Hitze noch kein Menschenfresser war. Und Landschaftsfresser. Und Kapitalfresser.

          Märtyrer des Anthropozäns

          Eigentlich gibt es heute ja nur noch Opfer, bloß beim Täter können wir uns auf einen festlegen: den Menschen. Gleich nach uns, die wir die Rolle des Opfers gleichwohl mit sehr viel größerer Inbrunst ausfüllen, kommt der Wald. Der Baum – wie die festsitzenden Gewächse überhaupt und alles wertvoll Dahinvegetierende im Garten – ist für uns, wenn die Trockenheit so erbarmungslos wie zuschlägt wie jetzt schon wieder in der Lieberoser Heide und den übrigen nördlichen Verbreitungsgebieten, der Märtyrer des Anthropozäns.

          Ernste Zweifel daran gab es eigentlich nur einmal vor etwas mehr als zehn Jahren. Da hatte die Versicherungswirtschaft eine ziemlich schräge Debatte über deutsche Alleenbäume angestoßen, die „Mörder am Straßenrand“, wie der „Stern“ damals titelte. Auslöser war die Baumunfallstatistik, die Mitte der neunziger Jahre eingeführt worden war und eine Dekade später zwanzigtausend tote Autofahrer auflistete, die ihre Raserei nach einem Frontalaufprall am Baum mit dem Leben zahlten. Leitplanken statt Bäume hieß es dann, was keiner wollte. Was sich auch als viel zu teuer herausstellte. Die unselige Debatte versandete schnell, und der Baum war bald rehabilitiert.

          Eichen verschwenden Wasser

          Allerdings sollte man heute ja die Rechnung nie ohne die Hitze und das Klima machen. In dem Hauptblatt der amerikanischen Wissenschaftsakademien, den berühmten „Proceedings“, ist soeben eine Untersuchung von Botanikern der University of Utah erschienen, die manchen Baum zwischen Kanada und Australien in den Verdacht bringt, in der Hitze hemmungslos Wasser zu verschwenden. Nicht die, die in ihrer ganzen Physiologie an Trockenheit angepasst sind und schon in ihrem eigenen Interesse den Wasserverbrauch drosseln. Einige Baumarten jedoch öffnen bei Hitze und Trockenheit sämtliche Schleusen im Blattwerk, um sich selbst zu kühlen – womit sie zum Mittäter des Klimawandels werden und die Wasserknappheit nur weiter verschlimmern.

          Die Eiche am Mittelmeer ist offenbar so eine verhängnisvolle Fehlbesetzung. Ausgerechnet die stolze Eiche, dieser Mythos, der Baum des Zeus und x-fache Wappenbaum. Dreißig Menschenleben kann jede Eiche überdauern, in Rom war sie Sinnbild des Goldenen Zeitalters. Wer wollte da schnell die Axt anlegen? „Fest wie unsere Eichen halten alle Zeit wir stand, wenn Stürme brausen übers Deutsche Vaterland“, heißt es im Niedersachsenlied. Die Hymne für jeden Klimapolitiker, der uns vor den kommenden Hitzewellen zu bewahren versteht.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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