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Berichterstattung über Merkel : Zitteranfall

Platz nehmen: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen beim Empfang vor dem Kanzleramt am vergangenen Donnerstag. Bild: dpa

Ob man nach der Gesundheit der Bundeskanzlerin fragen darf, ist eigentlich keine Frage. Zu fragen ist vielmehr, wie man es tut.

          Der Mann im Kakadu-Kostüm zittert ein wenig. Das dürfte der Aufregung geschuldet sein, in diesem recht ungewöhnlichen Aufzug in der Show „The Masked Singer“ bei Pro Sieben aufzutreten und, was Teil des Spiels ist, enttarnt zu werden. Der Gefiederte fliegt denn auch auf, es ist der Schauspieler Heinz Hoenig. Für mehr Aufsehen jedoch sorgt der Juror Faisal Kawusi:. Wenn der Kakadu weiterhin so zittere, dann tippe er darauf, dass Angela Merkel sich hinter der Verkleidung verberge, sagt der Entertainer.

          Das war ein Witz der Kategorie, die heute, wie kürzlich Harald Schmidt anmerkte, dafür sorgt, dass man in Sekundenfrist in den sogenannten „sozialen Medien“ die Rote Karte gezeigt bekommt. Mit den „heutigen Maßstäben, auch der Political Correctness, der Sprachpolizei und des linksliberalen Mainstreams, hätte ich meine Show nach einer Woche abgenommen bekommen“, sagte Schmidt, dessen „Harald Schmidt Show“ von 1995 bis 2014 bei Sat.1, dann in der ARD und dann bei Sky lief, kürzlich in einem Interview mit dem Österreichischen Rundfunk.

          Worauf er anspielt, bekommt man am Beispiel der Zitteranfälle der Bundeskanzlerin, der Berichterstattung darüber und der Kritik an dieser Berichterstattung vorgeführt. Bei drei öffentlichen Auftritten war unübersehbar, dass Angela Merkel am ganzen Körper bebte. Sogleich wurde über die Ursache spekuliert. Bei Twitter entstand im Nu der Hashtag „Zitteranfall“, unter dem sich hämische und bösartige Kommentare ebenso finden wie solche voller Anteilnahme für die anscheinend gesundheitlich angeschlagene Bundeskanzlerin. Diese wiederum ließ zunächst mitteilen, dass sie zu wenig Wasser getrunken habe. Dann sagte sie, sie glaube „dass es so, wie es gekommen ist, eines Tages auch vergehen wird. Es ist aber noch nicht so weit. Ansonsten bin ich ganz fest davon überzeugt, dass ich gut leistungsfähig bin.“

          Das könnte einem als Erklärung reichen, eingedenk des Umstands, dass die Gesundheit eines Menschen seine Privatsache ist, die Arbeitsfähigkeit einer Politikerin, zumal der Regierungschefin, aber eine Frage von öffentlichem Interesse und Belang. Insofern hat Angela Merkel in der ihr eigenen unbestimmten Art gesagt, was zu sagen ist: Da ist etwas, aber es hindert mich nicht daran, meine Aufgabe wahrzunehmen.

          In früheren Zeiten konnten Politiker Gebrechen noch geheim halten: Franklin D. Roosevelt seine Lähmung, Willy Brandt seine Depressionen, Helmut Schmidt seine Herzerkrankung, Helmut Kohl sein Prostataleiden, dessen Behandlung er hinauszögerte, um 1989 den innerparteilichen Aufstand in der CDU gegen ihn niederzuhalten.

          Das geht heute nicht mehr – in einem Zeitalter, das der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in seinem Buch „Die große Gereiztheit“ als eines beschreibt, in dem es keine Diskretion und (fast) keine Privatsphäre mehr gibt. Autorität und Renommee können durch die Netz-Öffentlichkeit in rasender Geschwindigkeit erschüttert werden; es herrscht der „Sofortismus“, der auf sofortige Erklärungen und sofortige Lösungen drängt, selbst wenn es diese nicht geben kann. Dafür sorgen heutzutage freilich weniger die traditionellen Medien als die Gereizten im Netz, wo es richtig rund geht, wenn das Getöse aus seinen Echokammern wiederum die Medien erreicht.

          Ebenso absurd freilich wie die Spekulationskaskaden der Merkel-Gegner sind im Fall der Zitteranfälle die kategorischen Einlassungen derer, die meinen, man dürfe sich nicht einmal für die Gesundheit interessieren. „Mutti macht ihr nicht kaputt“, schimpft die Schauspielerin Sophia Thomalla auf Instagram. Nicht „jeder Hans Wurst“ habe „das Recht zu wissen“, was hinter dem Zittern stecke. Das mag sein, auch, dass man sich mit der Erklärung der Bundeskanzlerin, sie sehe sich gut gerüstet, zufriedengeben kann. Ob man das tut, hängt davon ab, für wie glaubwürdig man sie generell hält.

          Wenn das Medienmagazin „@mediasres“ im Deutschlandfunk seine Sendung „Im Dialog“, in der mit Hörern diskutiert wird, unter den Titel stellt „Sollte über die Gesundheit der Kanzlerin berichtet werden?“, könnte man meinen, die Frage sei falsch gestellt: Es geht nicht darum, ob berichtet wird – sondern wie.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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