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Affäre um die Fußball-WM 2006 : Beckenbauer und die Deutschen

  • -Aktualisiert am

Franz Beckenbauer wird Geldgier und mangelnde „Transparenz“ bei seinem Einsatz für die WM-Vergabe 2006 vorgeworfen. Bild: AP

Es gibt Rollen, die auch ein Kaiser ungern spielt: das Ehrenamt etwa. Aber muss man deswegen Sozialneid schüren? Über ein Idol im außermoralischen Sinne.

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          Unverschämt war er schon immer: „Statt sich schuldbewusst zu ducken, nahm Franz den Ball genau in jener Ecke, wo das Geschrei am vernichtendsten klang, und jonglierte ihn von einem Fuß auf den anderen, auf den Kopf und wieder auf den Fuß. Beckenbauer führte seine Privatvorstellung etwa vierzig Sekunden lang fort und schob dann den Ball zur Seite wie einen leeren Suppenteller. Schalker und Bayern und 64000 Zuschauer starrten wie gelähmt auf Beckenbauer. Er demütigte den Gegner und dessen Anhänger, hielt Zwiesprache mit dem Volk, selbstbewusst, herausfordernd und vernichtend zugleich.“

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

          Schöner als der „Tagesspiegel“ nach dem DFB-Pokalfinale Bayern gegen Schalke vom 14. Juni 1969 hätte man kaum beschreiben können, aus welchem Holz dieser Fußballer geschnitzt ist. Beckenbauer hatte den Dribbelmeister Stan Libuda zu Fall gebracht und sich damit unbeliebt gemacht. Man überlege: Vierzig Sekunden lang ein ganzes Stadion mit aufreizender Eleganz, Lässigkeit und Gemütsruhe zu provozieren, um dann den Ball beiseitezuschieben „wie einen leeren Suppenteller“ – so etwas traut sich auch nur jemand, der talentierter ist als alle anderen. Die Weigerung, sich wegen eines Vergehens – und das war das Foul an Libuda zweifellos – anzubiedern, sondern die Zuschauer mit einer Demonstration seines Könnens auch noch zu beschämen, offenbart vielleicht ein Verhaltensmuster: moralischer Entrüstung mit einer Talentprobe zu begegnen.

          Seither prallt – keiner weiß, warum eigentlich – alles an Franz Beckenbauer ab. Diesmal auch? Der hämische Unterton, mit dem nun über die Fünfeinhalb-Millionen-Zahlung durch den Deutschen Fußballbund (DFB) an den damaligen Präsidenten des WM-Organisationskomitees (für 2006) berichtet wird, erstaunt immerhin. Noch ist gar nicht heraus, wie die Überweisung beim DFB verbucht war – als Honorar, Aufwandsentschädigung oder etwas anderes –, da reißt man dem Kaiser schon die Kleider vom Leib, will ihn endlich nackt, die Lichtgestalt am Boden sehen, am besten im Staub, wo wir anderen doch auch leben müssen.

          Gesamtkunstwerk Beckenbauer

          Die Ermittlungen, die gegen ihn laufen, sind das eine; Beckenbauer wird die Strafe, die man ihm gegebenenfalls aufbrummt, akzeptieren müssen. Das andere ist der Eifer, mit dem er jetzt vom Sockel geholt wird – als hätte man lange auf eine Gelegenheit dazu gewartet. Hier und da wird schon seine komplette Lebensleistung in Frage gestellt – allerdings nur mit Standardfeststellungen: Geldgier und mangelnde „Transparenz“.

          Dergleichen gibt es in einer Marktwirtschaft. Die ganze Gesellschaft hat sich 2006 über die WM im eigenen Land gefreut, und niemand hätte bestreiten können, dass diese Austragung maßgeblich Beckenbauer zu verdanken war und dass man dafür keinen Besseren hätte bekommen können als ihn. Und womit hat er das geschafft? Mit Charisma, Weltläufigkeit und sportlichem Ansehen. Glaubte man denn, den Träger dieser Eigenschaften umsonst vor den Karren einer Kampagne spannen zu können, die durchaus staatstragende Züge hatte, dazu noch in einer Zeit, in der Events (kommerziell) immer wichtiger und die Finanz- und Interessenstrukturen gleichzeitig immer undurchsichtiger wurden? Man konnte damals nur den ganzen Beckenbauer kriegen, mit seiner sportlichen Erfahrung und Untadeligkeit sowie seinem außergewöhnlichen Marktwert, der ja nicht nur eine Charakterfrage ist.

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