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Gentechnik lässt Zahl steigen : Tierversuche: Aufschrei mit Ansage

Bild: F.A.Z., Lucas Wahl

Die Gentechnik treibt die Zahl der Tierversuche weiter in die Höhe. Warum das keine moralische Kapitulation der Wissenschaft ist, sondern eine überfällige Erkenntnis dahinter steckt.

          5 Min.

          Wenn Helene Richter will, hört sie Ratten und Mäuse lachen. Bei fünfzig Kilohertz, Ultraschall, gickern spielende Ratten wie Vorschulkinder. Auch Ratten, die in Standardkäfigen in Tierhäusern untergebracht sind, und von diesen gibt es praktisch in jedem Forschungspark und Universitätsinstitut eins, auch wenn nirgendwo ein Schild an der Straße darauf hinweist.

          Joachim Müller-Jung
          (jom), Feuilleton, Natur & Wissenschaft

          Tierversuchslabore sind kein Aushängeschild oder Spielplatz für Nagetiere, nichts, womit sich auch nur eine Forschungsmacht der Welt brüstet. Wer schon einmal die Hatz von Tierrechtsaktivisten auf Forscher erlebt hat, weiß, warum in unseren Wissenschaftsstädten die Tierhäuser ausgebaut, erneuert, ja auch modernisiert werden – und trotzdem versteckt werden müssen. Das betrifft auch die 947.019 Ratten und Mäuse, die nach Recherchen der Grünen im Bundestag im Jahr 2013 allein für die gentechnische Forschung „verbraucht“, sprich: für Experimente und Zucht in deutschen Tierlaboren genehmigt und gehalten wurden. Fast eine Million, dreimal so viel wie 2004, so geht seit gestern der Aufschrei vom Grünen-Büro durchs ganze Land.

          Ein Aufschrei mit Ansage. Und nichts, was Helene Richter, eine der gefragtesten jungen Verhaltensforscherinnen und eine der intimsten Kennerinnen der Nagerpsyche, tut, kann nun verhindern, dass die Skandalisierung ihren Lauf nimmt. Mit „Wohlergehensdiagnostik“ für Versuchs- und Nutztiere sucht sie nach „positiven Emotionen“, sie befragt die Tiere und vermisst die Tierseele, so umschreibt es ihr Chef Norbert Sachser, selbst einer dieser modernen Ethologen, die sich international einen Namen gemacht haben, indem sie der „Persönlichkeit des Tieres“ mit quantitativen Testverfahren auf den Grund gehen. Die Formel dafür ist denkbar einfach: Lernen gleich Kognition plus Emotion.

          Das Leid wird verringert

          Tiere, die sich wohl fühlen, lernen schneller, können sich die Position des Futtertrogs im Testfeld besser merken – selektives Erinnern. „Wir messen Happiness“, sagt Richter. Wer vor dem Glas sitzt und es halb voll sieht, ist kognitiv gut gerüstet. Für wen es halb leer ist, der hat auch mental verloren. Von den kognitiven Leistungen der Tiere schließt Richter auf ihr Befinden, und die Liste ihrer hochrangigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zeigt: Wohlergehensdiagnostik gewinnt international an Rang – zynischerweise, könnte man hinzufügen, im gleichen Tempo wie die Ausweitung der Tierversuche.

          Natürlich gehört Richter mit ihrem empathischen Ansatz auch zu jenen jungen Forschern, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Forschungspolitik und überhaupt von der Tierschutzbürokratie im Land, jede Unterstützung erhalten. In Kürze schon könnte sie die erste Professur für Verhaltensforschung und Tierschutz erhalten. Ob ihre Forschung das Leid der Tiere verringern, die Zahl der Tierversuche verringern könne? Ein entschlossenes Ja, auch vom Chef. Tiere, die in Standardkäfigen gehalten würden, entwickelten gelegentlich Zwangshandlungen und diffuse Verhaltensstörungen, in „angereicherten“ Käfigen dagegen, solchen mit Unterschlupf und Klettergerüsten, dagegen kaum.

          Eine Illusion

          „Diese Verhaltensartefakte verfälschen die Forschungsergebnisse“, sagt Norbert Sachser. Experimente aus dem einen Labor können, dem Ansinnen der Standardisierung – Reproduzierbarkeit – völlig zuwider laufend, in anderen Laboren nicht bestätigt werden. Doppel- und Mehrfachversuche, Qualitätsmängel im Studienansatz, all das also, was nach dem Tierschutzgesetz zu minimieren ist, werden nach dem Dafürhalten der Münsteraner Verhaltensforscher durch den „Standardisierungswahn“ noch gefördert. Und die Qualität der Forschung selbst ist gefährdet, die Kosten werden unnötig in die Höhe getrieben.

          Nun ist Stressreduktion zwar schon ein Schritt in die Richtung, mit der vor vierzehn Jahren die Aufnahme des Tierschutzes als Staatsziel ins Grundgesetz begründet wurde. Den Tierschützern freilich ging es im Kern vor allem um eins: Tierversuche weitgehend überflüssig zu machen, die Zahl von Experimenten vor allem mit Säugetieren sukzessive zu senken.

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