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Gentechnik lässt Zahl steigen : Tierversuche: Aufschrei mit Ansage

Wohin des Wegs? Eine Versuchsmaus im Labyrinth der Verhaltensforschung. Ihre Lernfortschritte sind Kern der neuen „Wohlergehensdiagnostik“.
Wohin des Wegs? Eine Versuchsmaus im Labyrinth der Verhaltensforschung. Ihre Lernfortschritte sind Kern der neuen „Wohlergehensdiagnostik“. : Bild: Foto SPL / Agentur Focus

Eine Illusion, wie sich herausstellt, die nicht zuletzt von den Forschungsverantwortlichen im Land quasi zum rhetorischen Tierschutzstandard erhoben wurde. „Der DFG geht es darum, wie Forschung die Zahl der Versuche verringern und die Versuchsbedingungen für die Tiere so wenig belastend wie möglich gestalten kann“, wiederholte DFG-Präsident Peter Strohschneider erst vor wenigen Tagen zur Verleihung des Händel-Tierschutzpreises. Eine jährliche Veranstaltung, die jedesmal zur Drei-R-Gala wird: „Reduction, Refinement, Replacement“ – die drei Tierschutzziele, die alle Maßnahmen enthalten, mit denen Versuchstierleiden vermieden oder vermindert beziehungsweise durch verbesserte Tierhaltung und -behandlung entlastet werden können.

Mehr Tierversuche

Zellkulturen und andere Ersatzmethoden werden gekürt, „Human on a chip“ – menschliche Organe auf Mikrochipformat geschrumpft – als Lösung propagiert. Doch hinter dieser moralisch untadeligen Fassade, die Hoffnungen auf Seiten der Tierschützer wecken und die politischen Gemüter abkühlen sollen, wird seit Jahren eine unangenehme Wahrheit versteckt wie die Käfighaltung vor der Öffentlichkeit. Mit dem Boom der Biomedizin, namentlich der Genforschung und der Zelltherapie, ist der Weg zu immer mehr Tierversuchen längst vorgezeichnet. Absehbar war das schon im Jahr 2002, als der Tierschutz Verfassungsrang erhielt, aber völlig unumkehrbar ist die Entwicklung der Tierexperimentstatistik quasi spätestens mit den revolutionären Fortschritten in den Gen-Editier-Verfahren geworden.

In Wochen werden heute gentechnisch veränderte Mäuse erzeugt. Die Grundlagenforschung – viel mehr noch als die vorklinischen Tests an Mäusen und Ratten – entwickelt einen gewaltigen Hunger nach immer neuen Genvarianten. Jeder, der die Entwicklung beobachtet, kann erkennen, was der Heidelberger Stammzellforscher Andreas Trumpp in eine wissenschaftliche Selbstverständlichkeit verpackt: „Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Tierversuche. Wir müssen unsere Ergebnisse aus der Zellkultur im lebenden Organismus validieren.“ Kein Krankheitsbild, das seine genetische Entsprechung nicht im „Tiermodell“ bekommen soll.

Weg mit der Fortschrittsbremse

Was im Tier nicht verstanden wird, hat in der Medizin kaum eine Chance auf Verwertung. Und was medizinisch gewünscht ist, wird durch die gewaltige Zunahme der Forschungsausgaben etwa für die Gesundheitszentren im Land und mit den „Hightech“-Strategien hinreichend dokumentiert: Forschritt ohne Wenn und Aber. Tatsächlich hat sich die Entwicklung im Biotechnik- und -medizinsektor in den letzten Jahren nicht etwa weniger stark beschleunigt als in den Digitalbranche, sondern eher noch mehr, zumindest in der öffentlichen Forschung. Die Hoffnung auf neue Heilmethoden treibt die Akteure in den Spitzenforschungsländern an und verschärft den Wettbewerb zusehends.

Vor wenigen Tagen hat das weltgrößte Gesundheitsforschungszentrum, die amerikanischen National Institutes of Health, praktisch unbemerkt von der Öffentlichkeit, genau zu diesem Zweck eine ethische Schranke entfernt. Ein Tabu, das in einer republikanisch dominierten Bürokratie unantastbar schien, das allerdings von den Wissenschaftlern als Fortschrittsbremse gesehen wurde: Mischwesen, also Hybride mit menschlichen Zellen im tierischen Leib, sollen nun auch in amerikanischen Labors gefördert werden.

Mit „Pro-Test“ in die Fußgängerzone

Die Europäer, auch hier gespalten, versuchten zuletzt mit immer mehr Bürokratie und schärferen Gesetzen die Anforderungen an Tierexperimente zu verschärfen, bioethische Hürden aufzubauen. Gleichzeitig aber müssen sie erkennen, wie sie wissenschaftlich ins Hintertreffen geraten, wenn nun etwa das amerikanische Moratorium fällt – eingeleitet von Laborexperimenten in Großbritannien und China, die sich mit der Herstellung von Tieren mit Menschenanteilen („humanisierte Versuchtstiere“) weitere Fortschritte insbesondere für die Krebsbekämpfung und die Transplantationsmedizin erhoffen.

Nur zögernd versucht man, mit Transparenz die Illusionen zu zerstreuen. Die „Allianz“ der deutschen Forschungseinrichtungen geht mit einer eigenen Internetseite in die Offensive, in Tübingen, wo ein Hirnforscher von Tierrechtsaktivisten klinikreif gemobbt wurde, gehen junge Forscher mit „Pro-Test“ in die Fußgängerzone. „Ich bin sicher, eine große schweigende Mehrheit steht hinter unseren Tierversuchen“, sagt Trumpp vom Deutschen Krebsforschungszentrum, wo vor ein paar Monaten ein ultramodernes Tierhaus mit Standardkäfigen für 20.000 Nagern  in Betrieb genommen wurde. Groß gefeiert hat man die Eröffnung nicht.

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