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Nachruf auf Joachim Kaiser : Vom Genie eines ergriffenen Begreifers

  • -Aktualisiert am

Joachim Kaiser (1928 - 2017). Bild: Regina Schmeken/SZ Photo/laif

Er war eine Art Mozart der Publizistik und wurde zur Berühmtheit des Kulturbetriebs: Zum Tode von Joachim Kaiser, dem großen alten Mann des deutschen Feuilletons.

          4 Min.

          Man kann sich den Journalismus ja gut als Kathedrale vorstellen. Mit allerlei nebensächlichen Wichtigkeitstuergewölben und Leitartikelsäulen und Stammtischmeinungsorgeleien – von der scharrenden Weihwasserkompanie in Boulevard-Opferstock-Nähe ganz zu schweigen. Dort aber, wo das ewige Licht brennt und das Allerheiligste verwahrt wird, wo das Wunder sich vollzieht, wenn Fleisch und Blut von Figuren und die Töne von Engelskomponistenzungen sich in Worte, Sätze und Pointen, also in göttliche Anschaulichkeiten verwandeln müssen – dort strahlt die Rezension. Dort zelebriert der Kritiker seine hohen Künste.

          Wir trauern jetzt um Joachim Kaiser, einen der letzten großen Hohepriester der Dreieinigkeit von Theater-, Musik- und Literaturkritik. Und setzen uns mit Tränen nieder. Denn Kaiser, der Universalkritiker, der in der Wesenheit der Musikkritik die anderen Disziplinen miteinbegriff, wenn er literarkritisch aufs Theater, theaterkritisch auf die Musik, musikkritisch auf die Literatur zuging – war ein herrlicher Liturgiker. Wenn er zelebrierte, war die Kathedrale überfüllt. Man wollte ihn predigen, die unbegreiflich hohen Werke der Ton- und Dichtkunst auslegen hören.

          Man konnte ihn mit verbundenen Augen lesen

          Sein Publikum las ihn in der Laune, wie Marcel Proust im siebten Band seiner „Recherche“ sich allein den idealen Leser der Journale vorstellen mag: „Aber man liest die Zeitungen, wie man liebt: mit verbundenen Augen. Man versucht den Dingen nicht auf den Grund zu gehen. Man hört die süßen Reden des Chefredakteurs mit an, wie man den Worten der Geliebten lauscht“. Man konnte Joachim Kaiser deshalb mit verbundenen, das heißt: fasziniert gebundenen Augen lesen, weil er den Dingen schon auf den Grund gegangen war. In einem Ton, einer Gestimmtheit, die ganz Ergriffenheit, zugleich aber ganz Begrifflichkeit war. Keiner konnte so wie er große, absolute Musik in eine Sprache kritischer, lebensvoll reflektierender Beschreibung übersetzen.

          Beim Besuch der Frankfurter Buchmesse, 2008: Joachim Kaiser (1928 - 2017).
          Beim Besuch der Frankfurter Buchmesse, 2008: Joachim Kaiser (1928 - 2017). : Bild: Hauri, Michael

          Er war ein Meister des Sternstundenzaubers. Was ihm an Chopins Polonaisen, an Mozarts Figuren (ein ganzes Buch nur über das Personal von dessen Opern), an Beethovens langsamen Einleitungen und vor allem an seinen Klaviersonaten, über die er ein kluges, emphatisch eindringendes Buch schrieb, am Phänomen Adagio, an den Klavierverdichtungsabenden großer Pianisten, an den Seelenabgrundabenteuern sinfonischer Riesenwerke, in den Verfehlungen und Verhunzungen präpotenter Opern- oder Theaterregie aufging – das wurde unter seiner frei formulierenden Emphasenschreibregie, der man das strömend Diktierte immer anmerkte, zum publizistischen Ereignis. In empfindsam geballten Espressivo-Wendungen wie „linde Bewegtheit“ oder „Pianissimo-Süße“ wurde Musik selbst zur Nahrung seiner Sprache, die ein Werk überformte, entschlüsselte, seinen Verlaufsformen und Formverläufen nachspürte und seine Melodierätsel und Konstruktionsmirakel glücklich feierte.

          Jedes Wort kündete vom Durchdringensein

          Philosophischer Anspruch, sentimentalische Naivität und grundgescheiter Kitsch durften sich da zuweilen bei ihm ohne Pein umarmen. Denn es ging ihm wie bei seinem absoluten musikalischen Idol, dem Dirigenten Wilhelm Furtwängler, um ein „zu Herzen gehendes Durchdrungensein“. Jedes Wort, das er zu Papier brachte oder in Mikrofone sprach, kündete von diesem Durchdrungensein. Und davon, was es wollte: Wirkung.

          Buchmesse in Frankfurt, 2008: Joachim Kaiser und seine Tochter Henriette stellen ihr gemeinsames Buch „Ich bin der letzte Mohikaner“ vor.
          Buchmesse in Frankfurt, 2008: Joachim Kaiser und seine Tochter Henriette stellen ihr gemeinsames Buch „Ich bin der letzte Mohikaner“ vor. : Bild: Hauri, Michael

          Schon der ganz junge Schüler, Spross einer musikalischen Tilsiter Arztfamilie, bei der ein Edwin Fischer und ein Wilhelm Kempff ein und aus gingen, bat, als er nach dem Krieg nach Flucht und Vertreibung in Hamburg gestrandet war, einfach die Klassen der Oberstufe des hanseatischen Gymnasiums in die Aula, wo er ihnen Beethoven-Sonaten vorspielte. Und der junge Student der Musikwissenschaft belegte sofort wie selbstverständlich einen Nachkriegshörsaal an der Universität Göttingen, wo er seinen Kommilitonen aus dem Stand heraus Vorlesungen über Chopins Leben und Werke hielt – die überlaufen waren, während die Veranstaltungen der ordentlichen Professoren vor Leere gähnten.

          Er betrat die Szene, wie er, gerne eitel noch bis ins hohe Alter, ernsthaft betonte: „als Wunderkind“. Eine Art Mozart der Publizistik, der mit gerade mal zwanzig Adornos „Philosophie der neuen Musik“ für die „Frankfurter Hefte“ rezensierte, wovor sich Ältere, Erfahrenere gedrückt hatten – und von da an im Kulturbetrieb eine Berühmtheit war.

          Er wurde Adornos Schüler, eroberte den Hessischen Rundfunk, schloss Freundschaften mit den jüngeren Göttern der damaligen Welten (von Alfred Andersch über Martin Walser bis hin zu Ilse Aichinger und Uwe Johnson), durfte 1951 Furtwängler bei den Proben zu Beethovens Neunter vor der Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele zuhören, promovierte zwischendurch in Tübingen über den „Dramatischen Stil Grillparzers“, machte als junger Theaterkritiker Furore, der selbst einem Gründgens nervösen Respekt abverlangte. Und errichtete von 1958 an, als er in die Feuilletonredaktion der „Süddeutschen Zeitung“ eintrat, ein Münchner Kritikerreich, in dem seine Sonne bis zuletzt nicht unterging.

          Bibel für Klavierenthusiasten

          Er war eine Institution. Sein Buch „Große Pianisten in unserer Zeit“ wurde für jeden Klavierenthusiasten zur Bibel. Seine Sendungen („Kaisers Corner“, „Der Klavier-Kaiser“) im Bayerischen Rundfunk waren Hohe Messen des Interpretationsvergleichs. Seine Musik- und Theaterkritiken in der „Süddeutschen Zeitung“ – man führte ihn dort weit über die übliche Pensionsgrenze hinaus im Impressum nobel und würdig als „Leitenden Redakteur“ – waren Inseln kennerischer Labsal im Meer rezensorischen Geplätschers.

          Als er, der in Stuttgart über Jahrzehnte nebenher eine Professur an der Musikhochschule bekleidete, seine letzte öffentliche Münchner Vortragsveranstaltung absolvierte, in der es um nichts weniger als um den Gipfel der Streichquartett-Kunst, also um den Gipfel von musikalischer Kunst überhaupt, also um Beethoven ging, strömten Hunderte wochenlang in den Münchner Gasteig, um zuzuhören, wie Joachim Kaiser die Architektur und die Wunder der „gebundenen Freiheit“ an den späten Quartetten des Größten aller Großen ergriffen begreiflich machte. Selbst eine Formulierung wie „allerheiligstes Mysterium“ bot er als etwas objektivierbar Nachprüfbares dar.

          Der alte Kritiker und der junge Maestro

          Und als er im Fernsehen mit dem Dirigenten Christian Thielemann alle neun Sinfonien Beethovens in Beispielen und Proben Revue passieren ließ, da zeigte sich, dass der alte Kritiker dem jüngeren Maestro durchaus etwas zu sagen hatte. Und ein Arthur Rubinstein hätte bis vier Uhr nachts in der Bar eines Zürcher Grand Hotels auch kaum einen anderen neben sich geduldet, dem er gestand: Er könne ja gar nicht so schön Klavier spielen, wie Kaiser über ihn schreibe. Und ein Friedrich Gulda ließ sich geduldig darauf ein, dass Kaiser ihn aufforderte, ihm doch mal Chopins h-Moll-Sonate vorzuspielen – und sich vom Kritiker sagen, da habe er aber in dieser und jener Passage ganz schön geschummelt.

          Joachim Kaiser fühlte sich ein wenig morbid-kokett als „letzter Mohikaner“, Exemplar einer aussterbenden Spezies. Sein Beharren auf den „Buchstaben eines Werkes“, dessen Geist zugleich in einer unendlichen Vieldeutigkeit erscheinen könne, machte ihn in der Szene verschlampter Theaterei zum Dinosaurier, in der Sphäre der Event-Musik zu einem Prediger in der Willkür-Wüste, in der Literatur jedoch zu einem werkwillig ewig Neugierigen – im Journalismus aber zu einem Solitär. Dem wir jüngeren Mohikaner herzbewegt danken. Jetzt ist Joachim Kaiser im Alter von 88 Jahren in München gestorben.

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