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Nachruf auf Joachim Kaiser : Vom Genie eines ergriffenen Begreifers

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Er betrat die Szene, wie er, gerne eitel noch bis ins hohe Alter, ernsthaft betonte: „als Wunderkind“. Eine Art Mozart der Publizistik, der mit gerade mal zwanzig Adornos „Philosophie der neuen Musik“ für die „Frankfurter Hefte“ rezensierte, wovor sich Ältere, Erfahrenere gedrückt hatten – und von da an im Kulturbetrieb eine Berühmtheit war.

Er wurde Adornos Schüler, eroberte den Hessischen Rundfunk, schloss Freundschaften mit den jüngeren Göttern der damaligen Welten (von Alfred Andersch über Martin Walser bis hin zu Ilse Aichinger und Uwe Johnson), durfte 1951 Furtwängler bei den Proben zu Beethovens Neunter vor der Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele zuhören, promovierte zwischendurch in Tübingen über den „Dramatischen Stil Grillparzers“, machte als junger Theaterkritiker Furore, der selbst einem Gründgens nervösen Respekt abverlangte. Und errichtete von 1958 an, als er in die Feuilletonredaktion der „Süddeutschen Zeitung“ eintrat, ein Münchner Kritikerreich, in dem seine Sonne bis zuletzt nicht unterging.

Bibel für Klavierenthusiasten

Er war eine Institution. Sein Buch „Große Pianisten in unserer Zeit“ wurde für jeden Klavierenthusiasten zur Bibel. Seine Sendungen („Kaisers Corner“, „Der Klavier-Kaiser“) im Bayerischen Rundfunk waren Hohe Messen des Interpretationsvergleichs. Seine Musik- und Theaterkritiken in der „Süddeutschen Zeitung“ – man führte ihn dort weit über die übliche Pensionsgrenze hinaus im Impressum nobel und würdig als „Leitenden Redakteur“ – waren Inseln kennerischer Labsal im Meer rezensorischen Geplätschers.

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Als er, der in Stuttgart über Jahrzehnte nebenher eine Professur an der Musikhochschule bekleidete, seine letzte öffentliche Münchner Vortragsveranstaltung absolvierte, in der es um nichts weniger als um den Gipfel der Streichquartett-Kunst, also um den Gipfel von musikalischer Kunst überhaupt, also um Beethoven ging, strömten Hunderte wochenlang in den Münchner Gasteig, um zuzuhören, wie Joachim Kaiser die Architektur und die Wunder der „gebundenen Freiheit“ an den späten Quartetten des Größten aller Großen ergriffen begreiflich machte. Selbst eine Formulierung wie „allerheiligstes Mysterium“ bot er als etwas objektivierbar Nachprüfbares dar.

Der alte Kritiker und der junge Maestro

Und als er im Fernsehen mit dem Dirigenten Christian Thielemann alle neun Sinfonien Beethovens in Beispielen und Proben Revue passieren ließ, da zeigte sich, dass der alte Kritiker dem jüngeren Maestro durchaus etwas zu sagen hatte. Und ein Arthur Rubinstein hätte bis vier Uhr nachts in der Bar eines Zürcher Grand Hotels auch kaum einen anderen neben sich geduldet, dem er gestand: Er könne ja gar nicht so schön Klavier spielen, wie Kaiser über ihn schreibe. Und ein Friedrich Gulda ließ sich geduldig darauf ein, dass Kaiser ihn aufforderte, ihm doch mal Chopins h-Moll-Sonate vorzuspielen – und sich vom Kritiker sagen, da habe er aber in dieser und jener Passage ganz schön geschummelt.

Joachim Kaiser fühlte sich ein wenig morbid-kokett als „letzter Mohikaner“, Exemplar einer aussterbenden Spezies. Sein Beharren auf den „Buchstaben eines Werkes“, dessen Geist zugleich in einer unendlichen Vieldeutigkeit erscheinen könne, machte ihn in der Szene verschlampter Theaterei zum Dinosaurier, in der Sphäre der Event-Musik zu einem Prediger in der Willkür-Wüste, in der Literatur jedoch zu einem werkwillig ewig Neugierigen – im Journalismus aber zu einem Solitär. Dem wir jüngeren Mohikaner herzbewegt danken. Jetzt ist Joachim Kaiser im Alter von 88 Jahren in München gestorben.

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