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Zum Tode Philipp von Boeselagers : Der Holocaust war sein Motiv, Hitler zu töten

  • -Aktualisiert am

„Hättest du Hitler doch erschossen”: Philipp von Boeselager starb in der Nacht zum 1. Mai Bild: F.A.Z. - Daniel Pilar

In der Nacht zum 1. Mai starb Philipp von Boeselager, der letzte überlebende Beteiligte des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944. Mit dem Ausbleiben moralischer Anerkennung nach 1945 hatte er gerechnet. Der Zweifel am moralischen Impetus des Anschlags hat ihn geschmerzt.

          Man müsste beginnen, wie in Hebels „Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes“, behaglich das Erschrecken vorbereitend: In der Kleinstadt A., in einem kleinen Gutshaus unterhalb seiner Burg, lebte in den ersten Jahren unseres Jahrhunderts ein alter Baron, der vorbeireisenden Gästen zuweilen den Fehler seines Lebens anvertraute: „Ja, ich sehe immer noch Hitler von hier bis zum Kamin vor mir gehen und denke, hättest du ihn doch erschossen.“ (Siehe auch: Philipp Freiherr von Boeselager - das letzte Interview)

          Philipp von Boeselager, von dem der Satz stammt, zeigte den Abstand mit beiden Händen: vielleicht fünfzig, vielleicht sechzig Zentimeter. Doch während er ihn zeigte, wuchs die Strecke vor unseren Augen ins Unermessliche: sechzig Zentimeter, die man niemals würde durchschreiten können, ein ewiger Grenzwert, eine Zeitmauer. Zeit seines Lebens hat von Boeselager diese sechzig Zentimeter in Angriff genommen, zeit seines Lebens brach er ab. Oft, wie er bekannte, in Träumen.

          Der Holocaust war das Motiv, Hitler zu töten

          Er war der letzte überlebende Beteiligte des 20. Juli. Er starb in der Nacht zum 1. Mai im Alter von einundneunzig Jahren. Dieser bescheidene, im Wortsinne seine Umwelt bezaubernde Mensch konnte mit Tag, Monat und Jahr datieren, wann sein Widerstand begann. Am 30. Oktober 1942 hatte Henning von Tresckow ihn gefragt, ob er bereit sei zum Attentat. Boeselager sagte sofort zu. Denn zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits die Unheilsgeschichte des Dritten Reichs, von der Pogromnacht bis zum Angriff auf die Sowjetunion, als eine Geschichte zum Tode verstanden.

          Sechzig Zentimeter waren es, die Boeselager nicht überwinden konnte

          Und er wusste, dass täglich Abertausende Juden ermordet wurden. Der Holocaust, so sagte er immer wieder, war sein Motiv, Hitler zu töten. Geschmerzt hat ihn weniger das Ausbleiben von moralischer Anerkennung nach 1945. Er war zu sehr Realist und Pragmatiker, als dass er erwartet hätte, die Mittuer würden ihn mit offenen Armen empfangen. Aber dass der moralische Impetus des Widerstands in Zweifel gezogen wurde, hat ihn erbost und geschmerzt.

          Weltoffen, lebensfroh und rheinisch-behaglich

          Am Vorabend seines Todes noch hat er mit seinem Freund, dem Verleger Friedrich-Karl Sandmann, über die Vorgeschichte des 20. Juli geredet. Auch da fiel wieder dieser Satz: Hätte er doch, als er einmal direkt hinter ihm stand, Hitler erschossen, statt auf die Ausführung des 20. Juli zu warten. In einer Welt, in der das Gefühl, eine Chance verpasst zu haben, sich auf Ebay-Schnäppchen und den falschen Hypothekenkredit beschränkt, schien die Zeitgenossenschaft mit Philipp von Boeselager ans Phantastische zu grenzen.

          Weltoffen, lebensfroh und rheinisch-behaglich, übersprudelnd von skurrilen, gern auch preußenfeindlichen Anekdoten, öffnete sich dieses Schatzkästlein und wurde im Laufe des Gesprächs zur Büchse der Pandora. Da waren die Träume, in denen die Gestapo noch bis zuletzt ihn aufweckte mitten in der Nacht oder früh, wie er prononciert aussprach, im Morgengrauen. Und da war das Wissen, das uns anderen sich gnädig verbirgt - das Wissen, wem er sein Leben zu verdanken hatte: Er lebte, weil kein einziger Widerstandskämpfer des 20. Juli, selbst nicht unter Folter, ihn verraten hatte. Dass Leben auch Schuld heißt, hat kaum einer so sehr verstanden wie Boeselager.

          Bundeswehr ohne Interesse, die Schulen aber schon

          Vor drei Wochen trafen wir ihn zu einem langen Gespräch. Dieser freundliche, humorvolle Herr hatte Stauffenbergs Sprengstoff besorgt; dieser überzeugte und überzeugende Katholik hatte den Tyrannenmord geplant und dabei seinen eigenen Tod in Kauf genommen; dieser Edelmann war mit zwei Toten durch den Krieg gereist, weil er sie in Heimaterde bestattet sehen wollte. Anders als unsere Hollywood-Phantasie uns einredet, gab es dafür keine Belohnung. Philipp von Boeselager kehrte nicht als Held heim, und es dauerte Jahre, ehe er seine Rolle beim 20. Juli auch nur erwähnte.

          Die Bundeswehr, so sagte er im Gespräch, hatte lange kein Interesse an ihm; aber Schulen hatten es. Ihm gefielen die Bücher von Peter Hoffmann und Jochim Fest, und zur Verfilmung von „Valkyrie“ durch Tom Cruise nahm er in dieser Zeitung bereits vor Monaten eine eigene Haltung ein: Solange keine propagandistische Vermischung des Films mit der Sekte eintrete, könne es doch dem Ansehen des Widerstands nur nutzen, wenn ein berühmter Schauspieler Stauffenberg spiele.

          „Lass mich das noch zu Ende bringen“

          Doch all das, Bücher, Filme, sind sekundäre Ableitungen, nichts gegen das gelebte Leben selbst. In wenigen Wochen wird Hans Sarkowicz eine Boeselager-Biographie veröffentlichen. Sie wird die unzeitgemäße, aber angemessene Frage stellen, wie einer zum Helden wird. Eine Antwort auf das Gute gibt es so wenig wie eine auf das Böse. Doch dass im Zentrum des Bösen Widerstand möglich ist, hat Philipp von Boeselager historisch bewiesen.

          Er war der Letzte - das schreiben wir in den Zeitungen immer wieder und viel zu häufig. Hier stimmt es wie selten zuvor. „Lass mich das noch zu Ende bringen“, waren seine letzte Worte zu seiner Frau. Und die literarische Phantasie fragt, ob sie da nicht wieder waren, diese fünfzig, sechzig Zentimeter, die fehlten, um die Geschichte zu wenden.

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