https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/zum-tod-von-philippe-contamine-der-ritter-der-jungfrau-17761795.html

Philippe Contamine : Der Ritter der Jungfrau

  • -Aktualisiert am

Philippe Contamine Bild: ddp

Mit seinem Buch über den Krieg im Mittelalter wurde Philippe Contamine eine Instanz. Im Alter von 89 Jahren ist der Mann, der die Forschung zu Jeanne d’Arc in Schwung bracht, nun in Paris gestorben.

          2 Min.

          Der Historiker Philippe Contamine war in Frankreich eine Institution. Dabei hatte er zunächst Schwierigkeiten, sich gegenüber seinem Vater Henry Contamine zu profilieren, dem wohl bekanntesten französischen Militärhistoriker und -politiker der Nachkriegszeit. Dessen Bücher über die französische „Revanche“-Politik nach 1871 und den Sieg an der Marne gehörten in Frankreich noch bis vor Kurzem zum historischen Grundwissen.

          Aber Philippe Contamines große Thèse über den Krieg im Mittelalter von 1980 trug ihm nicht nur die Berufung an die Sorbonne ein, sondern auch die Aufnahme in die Académie des inscriptions et belles­lettres, was eine ungewöhnliche Ehrung für einen Historiker war. Dass er 2010 sogar zum Mitglied der Académie Française gewählt wurde, war nicht zuletzt seinem so überaus pfleglichen Umgang mit den Menschen des Mittelalters zuzuschreiben. Wenn das große Programm der Annales-Schule, eine „Geschichte der Mentalitäten“ zu schaffen, realisiert werden konnte, dann im Werk dieses Mannes, der sein Leben lang dem nachspürte, was Marc Bloch, der Stammvater der Annales, die „Art und Weise, wie die Menschen gefühlt und gedacht haben“, genannt hat.

          Instrumentalisierung der Nationalheldin

          Philippe Contamine machte sich auch als Herausgeber übergreifender Geschichten des Krieges und der Gesellschaft im Mittelalter und der Frühen Neuzeit nützlich. Seine zurückhaltende Freundlichkeit beeindruckte Kollegen und Zuhörer. Auch in der Geistes- und Literaturgeschichte des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts kannte sich dieser Mediävist bestens aus, wie seine Beiträge über die Instrumentalisierung der Nationalheldin Jeanne d’Arc durch konservative und faschistische Gruppen zeigen.

          In Kontakt mit Jeanne d’Arc, mit deren Namen seine Forschungen auch für die Zukunft zutiefst verbunden sein werden, kam Contamine erst 1985, als er als Nachfolger von Régine Pernoud die Leitung des Centre Jeanne d’Arc in Orléans übernahm und aus diesem „Nebenberuf“ heraus eine starke Welle der Jeanne-Forschung anschob. Deren bestes Resultat ist die von ihm 2012 mit zwei jüngeren Mediävisten, Olivier Bouzy und Xavier Hélary, veröffentlichte Enzyklopädie zu dieser großen Heldin Frankreichs.

          Philippe Contamine hatte keine Probleme mit der deutschen Sprache. So hat er viele Besprechungen zu deutschen Werken zum Mittelalter und über die Frühe Neuzeit verfasst, meistens in der „Francia“, der seit einigen Jahren so aktuellen Zeitschrift des Deutschen Historischen Instituts in Paris. Er war auch ständiger kommunikativer Gast bei den Veranstaltungen des Instituts und nahm eine starke Mittlerfunktion zwischen deutschen und französischen Historikern wahr. Leider sind nur sehr wenige seiner Publikationen ins Deutsche übersetzt worden, vor allem sein „Krieg im Mittelalter“ hätte das verdient.

          Wünschenswert wäre auch eine Übersetzung seines letzten großen Werkes, der Biographie von König Karl VII. (2017), der nach schwierigen Anfängen die Engländer schließlich schrittweise aus Frankreich vertreiben konnte, so dass er jahrhundertelang als „Karl der Siegreiche“ verehrt wurde. Am Mittwoch dieser Woche ist Philippe Contamine in Paris gestorben. Er wurde 89 Jahre alt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach der Asow-Kapitulation : In Putins Fängen

          Die letzten Verteidiger von Mariupol haben sich ergeben. Daraus kann Putin einen Propagandasieg über die „Nazis“ machen. Es zeigt sich, was passiert, wenn man der „Emma“-Losung folgt, der Ukraine keine schweren Waffen zu geben.
          Bundeskanzler Olaf Scholz hält eine Pressekonferenz mit dem senegalesischen Präsidenten Macky Sall.

          Scholz in Afrika : Auf der Suche nach Gas und Verbündeten

          Die erste Afrikareise des Bundeskanzlers steht unter dem Eindruck des Kriegs in der Ukraine. Es geht um Gas, das nicht aus Russland kommt, und um den Zusammenhalt gegen Moskau.
          Glänzende Aussichten: Im dritten Anlauf kann RB Leipzig seinen Fans zum ersten Mal den Pokal präsentieren – ein Erfolg, der auch eine Leerstelle in der deutschen Fußballlandschaft füllt.

          Berliner Pokalfinale : Wir gegen Die

          Moralisierung, Abgrenzung und für manchen sogar „Hass“: Nach dem Leipziger Pokal-Triumph gegen Freiburg sind die Gräben im deutschen Fußball noch ein bisschen tiefer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Bildungsmarkt
          Alles rund um das Thema Bildung
          Sprachkurs
          Verbessern Sie Ihr Englisch
          Sprachkurs
          Lernen Sie Französisch