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Zum Tod von Gerd Baltus : Glaubwürdigkeit als Gegenteil von Glätte

Gerd Baltus mit Susanne Uhlen in der Fernsehserie „Ein zauberhaftes Biest“ Bild: Picture-Alliance

Er spielte Rollen eines bestimmten Typus, meist Außenseiter, niemals Heldenrollen. Trotzdem hielten sie manchen Film zusammen: zum Tod von Gerd Baltus.

          2 Min.

          Das Ausmaß seiner Selbstdarstellung stand in einem denkbar starken Kontrast zur Wirkung seiner Auftritte vor der Fernsehkamera. Die Rollen, die er spielte, sind sonder Zahl, doch entsprachen sie meist einem bestimmten Typus. Und der Satz, mit dem Gerd Baltus immer wieder zitiert wurde, fasst die Dinge so zusammen, dass man denkt: Mehr ist nicht zu sagen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          „Ein Schauspieler darf nicht glatt sein, sondern muss manchmal bewusst Unzulänglichkeiten in die Darstellung einer Person einbauen, um glaubwürdig zu wirken.“ So sprach Baltus bei einem seiner raren Interviews, prägte eine Losung, die wie eine Binse klingt, die sich gleichwohl alle hinter die Ohren schreiben können und mit der er sich zugleich selbst beschrieb als auch die Besetzungspraxis, der er unterlag.

          Gerd Baltus war ein Mann für schwierige Fälle, für Figuren, denen alles zuzutrauen war; für gebrochene, introvertierte, liebenswürdige, melancholische, misanthropische, stille, unterschätzte, verklemmte, verbissene oder zwielichtige Charaktere. In der Heldenrolle wurde er nicht besetzt, doch brachte er mit dem Part, den er in zahlreichen Komödien oder in Serien wie „Tatort“, „Derrick“, „Der Alte“ oder „Die Männer vom K3“ gab, eine Präsenz ins Stück, dass gleich ein Baltus-Film daraus wurde. Er haderte mit seiner Rollenfestlegung.

          Einmal sagte Baltus, er „hasse“ diese Figuren, sei zu Beginn ihrer Aneignung regelrecht verfeindet mit ihnen. Doch daraus machte der Schauspieler das Beste. Er zeigte, wie man sich als vermeintlicher Außenseiter, der gegen die Norm verstößt, in den Mittelpunkt spielt.

          Geboren wurde Gerd Baltus 1932 in Bremen. Sein Vater war Lehrer. 1939 wurde er unter dem NS-Regime aus dem Schuldienst geworfen, „politische Unzuverlässigkeit“ lautete der Entlassungsgrund, der in Wahrheit darin bestand, dass er mit einer „Halbjüdin“ verheiratet war. Nach dem Abitur studierte Gerd Baltus zunächst, wie sein Vater es gewünscht hatte, Jura, hielt das aber nur vier Semester lang durch. Er stand lieber auf der Bühne, als Student im Bremer Zimmertheater.

          1953 stellte er sich am Hamburger Schauspielhaus vor und erhielt, auch ohne schauspielerische Ausbildung, eine Anstellung. Bis 1957 blieb Baltus in Hamburg, wo zur damaligen Zeit Gustaf Gründgens inszenierte. Danach zog es den Schauspieler an Bühnen in Bonn und Berlin. Von 1959 bis 1966 zählte er zum Ensemble der Münchner Kammerspiele, wo er zum Beispiel in Max Frischs „Andorra“ auf sich aufmerksam machte, er spielte am Hamburger Thalia-Theater und bei den Salzburger Festspielen.

          Das Traumschiff: Herr Schober (Gerd Baltus) mit Fräulein Hork (Dietlinde Turban) am Strand.
          Das Traumschiff: Herr Schober (Gerd Baltus) mit Fräulein Hork (Dietlinde Turban) am Strand. : Bild: Picture-Alliance

          Von Mitte der sechziger Jahre an aber war Baltus vor allem für Film und Fernsehen tätig. 1965 erhielt er den Bundesfilmpreis für seine Rolle als Leutnant Beckerath in der Thomas-Mann-Verfilmung „Wälsungenblut“. In den Siebzigern ging es für Gerd Baltus im Fernsehen in Serie los, bis in die späten Neunziger: mit „Ein ganz perfektes Ehepaar!, „Arme klauen nicht“, „PS“, „Familie Buchholz“, „Der Fall von Nebenan“, „Die Lehmanns“, „Levin und Gutmann“, „Leib und Seele“, „Das Traumschiff“, „Lorentz & Söhne“, „Ein Bayer auf Rügen“, „Lehrer Specht“, „Zwei Männer am Herd“, um nur einige zu nennen. In einer seiner letzten Fernsehfilmhauptrollen lieferte sich Baltus 2002 in dem Film „Zweikampf“ einen ebensolchen mit dem 2016 verstorbenen Hilmar Thate.

          Darin spielte Baltus abermals eine jener typischen Baltus-Rollen: einen Rentner, der seine tyrannische Frau von der Leiter schubst, was dem scheinbar grundfriedlichen Blumenliebhaber, den Baltus hier gibt, außer dem von Thate gespielten, pensionierten Kommissar niemand zutraut. Als Hörspiel- und Hörbuchsprecher war Gerd Baltus in all der Zeit ebenfalls präsent, bis in die letzten Jahre. Am vergangenen Freitag ist er im Alter von siebenundachtzig Jahren in Hamburg gestorben.

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