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Zum Tod von André Glucksmann : Ein Philosoph für die Freiheit

André Glucksmann, 19. Juni 1937 bis 10. November 2015, im April 2009 in Rom Bild: Picture-Alliance

Der Philosoph André Glucksmann ist in Paris gestorben. Mit dem Ex-Maoisten begann die Überwindung des Marxismus in Frankreich. Unvergessen ist sein Streit mit den deutschen Pazifisten.

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          Das Bild ist unvergessen. Es zeigt André Glucksmann zusammen mit Jean-Paul Sartre und Raymond Aron im Elysée-Palast: Sie plädieren bei Staatspräsident Giscard d’Estaing für die Aufnahme von Flüchtlingen aus Vietnam. Der „Neue Philosoph“ der antitotalitären Aufklärung hatte die beiden großen Gegenspieler zusammengebracht. Für Aron wie Sartre war das humanistische Engagement wichtiger als ihre politischen Gegensätze: Seit der gemeinsamen Schulzeit waren sie sich aus dem Weg gegangen. Das emblematische Bild ihrer Wiederbegegnung haben beide nicht sehr lange überlebt. In den Zeitungen tauchte es in den vergangenen Wochen aus aktuellem Anlass neuerlich auf. Es erinnerte die Franzosen an eine Zeit, in der sie mit den Flüchtlingen weniger Probleme hatten. Jetzt ist auch André Glucksmann tot. Er starb in der Nacht in Paris.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          André Glucksmann entstammt einer jüdischen Familie, die aus Polen nach Paris emigriert war. Geboren wurde er 1937, die Wirren und Schrecken des Kriegs prägten seine Kindheit. Der Vater wurde von den Nazis umgebracht, die Mutter war im Widerstand. „Als radikaler Antifaschist wurde ich Kommunist“, erzählte André Glucksmann: „1945 habe ich mit der Zeitung der Französischen Kommunistischen Partei, der ‚Humanité‘, lesen und rechnen gelernt. Ich wollte den Stimmenanteil der Partei kennen.“

          Der betrug damals gegen dreißig Prozent. Doch mit den Genossen kam Glucksmann schon während des Algerienkriegs in Konflikt. Auch den Einmarsch in Ungarn kritisierte er. 1957 wurde der authentische Prolaterier ausgeschlossen. Nach dem Abschluss des Philosophiestudiums wurde er Assistent von Aron, als einziger hatte sich Glucksmann für Fragen des Kriegs und der Verteidigung interessiert. „Ich war der einzige in Frankreich, der Clausewitz kannte. Jetzt sind wir zwei“, soll Raymond Aron zu ihm gesagt haben.

          Die Spätfolgen eines Kriegs

          Sein erstes Buch war dem Vietnamkrieg gewidmet. Glucksmann vertrat die These, dass die Amerikaner ihren Krieg gegen eine Volksguerilla unmöglich gewinnen konnten. Jetzt interessierten sich auch Jacques Lacan und Jean-Paul Sartre für den jungen Intellektuellen. Im Mai '68 stand er auf den Barrikaden, im Anschluss an den Aufstand schloss er sich der maoistischen „Gauche Prolétarienne“ an.

          Doch in der Folge das Mai '68 verschwanden die Utopie und die Revolution aus dem politischen Horizont. André Glucksmann plädierte für eine „Moral der Dringlichkeit“: Das humanitäre Engagement für alle Flüchtlinge muss prioritär sein, ohne Rücksicht auf die Ideologie, deren Opfer sie geworden sind. Am Ausgangspunkt dieses neuen Imperativs stand der Bürgerkrieg in Biafra. Und jene, die den Vietnamkrieg bekämpft hatten, mussten in Glucksmanns Vorstellung nun auch für die Spätfolgen einstehen.

          Ein schmerzlicher Irrtum

          Damit begann seine Kritik der Totalitarismen, verstärkt wurde sie durch den Schock, den Solschenizyn mit seinem „Archipel GULag“ in Frankreich auslöste. In seinen einflussreichen Schriften „Die Köchin und der Menschenfresser“ sowie „Die Meisterdenker“ forschte er nach seinen Wurzeln in der deutschen Philosophie: Kant, Fichte, Hegel. Später legte er sich in „Philosophie der Abschreckung mit den deutschen Pazifisten an. Der „grünen Friedensbewegung“ warf er vor, eine Ideologie zu sein, die Verdrängung der Nazi-Vergangenheit und eine Form der Geschichtsfälschung zu betreiben. Die Pazifisten bezeichnete er als „Juden des Dritten Weltkriegs“, die vor dem roten Totalitarismus im voraus kapitulieren würden. Ihn hatten die ex-kommunistischen französischen Intellektuellen ziemlich abrupt als neue Gefahr erkannt – und mit seiner rhetorischen Bekämpfung vor allem ihre Versäumnisse im Zweiten Weltkrieg kompensiert.

          Mit dem 11. September geriet zusehends der Islam in die Rolle der neuen Bedrohung. André Glucksmann befürwortete das Eingreifen in Afghanistan und im Irak. Nicht zu Unrecht wurde er in die Nähe der amerikanischen Neokonservativen gerückt. Dass er sich im Wahlkampf 2007 an einem Meeting von Sarkozy beteiligte, hat er sehr schnell als schmerzlichen Irrtum erkannt. Zum Krieg gegen Gaddafi, den Bernard-Henri Lévy mit Sarkozy inszenierte, hat er nicht viel gesagt. Gekommen sind die Flüchtlinge. Es war André Glucksmann nicht mehr vergönnt, für ihre Aufnahme zu plädieren. Er starb im Alter von 78 Jahren.

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