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Zum Tod von Ulrich Oevermann : Von Vierjährigen die Wirklichkeit erfahren

Ulrich Oevermann im April 2008 in Frankfurt am Main Bild: Roger Hagmann

Wie es um die Bildung in Deutschland stand, war für ihn nicht aus Statistiken ablesbar, sondern daran, wie Eltern mit ihren Kindern reden. Ulrich Oevermann begründete mit der „objektiven Hermeneutik“ eine der wenigen eigenen Schulen der deutschen Soziologie. Jetzt ist er im Alter von 81 Jahren gestorben.

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          Ulrich Oevermann war ein besonderer Forscher. Intellektuell aufgewachsen im Umkreis von Jürgen Habermas, zu dessen Frankfurter Assistenten er von 1964 an gehörte, entwuchs der 1940 in Heilbronn Geborene bald der Kritischen Theorie, um seine eigene Soziologie zu entwickeln. In sie gingen zunächst Studien zur Schichtabhängigkeit des Schulerfolgs und des Sprachverhaltens ein sowie Analysen der Kommunikation in Familien. Oevermann, der 1968 an das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin gewechselt war, fand nämlich die empirische Wirklichkeit der Bildung nicht in Statistiken oder Befragungen, sondern in Tonbandaufzeichnungen elterlicher Gespräche mit Vierjährigen.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Dabei sah er sich der Frage gegenüber, wie herausgefunden werden kann, was alles in solchen Gesprächen vorausgesetzt, unterstellt und verschwiegen wird. Das führte zu dem, was später ‚objektive Hermeneutik‘ getauft wurde, und zu einer der ganz wenigen Schulgründungen innerhalb der deutschen Soziologie. 1977 folgte Oevermann einem Ruf der Frankfurter Goethe-Universität, an der er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2008 Soziologie und Sozialpsychologie lehrte.

          Liebe zur Musik und Ornithologie

          In Oevermanns Fokus stand die Beobachtung, dass im sozialen Leben ständig entschieden werden muss, weil keine Handlungsmuster verfügbar sind. Ständig kommt es zu Krisen, zu exemplarischen Lösungen, die zu Routinen werden, und erneut zu Situationen, in der die verfügbaren Routinen zu keinen Lösungen führen. In gewisser Weise waren Jugend und Pubertät für Oevermann deshalb der beispielhafte Fall von Menschsein: als krisenhaft erlebtes Austesten von Rollen in einem biographischen Zwischenstadium, um Stabilität im anschließenden Zeitraum zu gewinnen. Seine erstaunliche Konsequenz daraus war eine Polemik gegen die Schulpflicht, weil diese die Kinder und Jugendlichen auch ohne dass sie in Krisen stünden dem Unterricht unterwerfe.

          Diese These passte zu dem ohne Vater und ohne Freude an der Schule auf dem Land aufgewachsenen Oevermann. Er wandte sich früh der Musik und der Ornithologie zu, was beides seinen Sinn für aufschlussreiche Details geschult haben dürfte.

          Von seinen Überlegungen zur Sozialisation aus entwickelte Ulrich Oevermann eine Theorie der Professionen als derjenigen Berufe, die wissenschaftlich begründete Unterstützung in Lebenskrisen anbieten und dazu ein am Einzelfall orientiertes Arbeitsbündnis mit den Klienten eingehen: Ärzte, Pfarrer, Lehrer, Anwälte. Er schrieb über Religion, über die Massenmedien, über Gedichte von Charles Baudelaire und Lord Byron, über die Krankenpflege. Vieles davon wurde in Sammelbänden, fast nichts in eigenen Büchern und das meiste nur als Manuskript im Internet publiziert. Er war ein unformeller Geist, für den die Wirklichkeit nicht aus Punkten bestand, auf die er hätte kommen wollen. Wer Oevermann in Frankfurt oder andernorts traf, wurde schnell in eine ganz reizende Mischung aus Gespräch und Vorlesung hineingezogen. An diesem Montag ist Ulrich Oevermann im Alter von einundachtzig Jahren in Bern gestorben.

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