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Nachruf Karl Dietrich Bracher : Der die Geschichte kennt

  • -Aktualisiert am

Karl Dietrich Bracher (1922 - 2016). Bild: Helmut Fricke

Karl Dietrich Bracher hat die Politikwissenschaft der Bonner Republik entscheidend geprägt. Als Mann der Gegenwart fragte er, was wir aus der Vergangenheit lernen können. Im Alter von 94 Jahren ist er nun gestorben. Eine Erinnerung.

          „Das Europa der Krisen hat nicht nur überlebt, sondern am Ende der Zerstörungen und Zerspaltungen eine neue gewaltige geschichtliche Chance erhalten, die es nicht wieder durch Rückfälle in die Verhaltensweisen der Selbstüberhebung oder der Resignation verspielen möge.“ Aktueller könnten die Worte der Mahnung und der Ermutigung nicht sein, die Karl Dietrich Bracher 1993 - im Jahr als der Maastricht-Vertrag in Kraft trat - in seinem Werk „Die Krise Europas“ fand. In einer aktualisierten Neuauflage des im Kern schon 1976 erschienenen Bandes der Propyläen Geschichte Europas drängte es ihn, seine lebenslange geschichtswissenschaftliche Analyse mit einem normativen Kompass für die Nachgeborenen weiterzugeben.

          Dem 1922 in Stuttgart geborenen Nestor der deutschen Zeitgeschichtsforschung und historisch orientierten Politikwissenschaft blieb es auch danach noch bis ins höchste Alter vergönnt, einen intellektuellen Bogen zu den Anfängen des Dickichts zu spannen, in das er seit seinen ersten wissenschaftlichen Werken in Sorge um Freiheit, Demokratie und Europas Kultur tiefgründige Schneisen der Erkenntnis geschlagen hat.

          Um Europa ging es ihm von Beginn an

          Schon in seiner Tübinger althistorischen Dissertation von 1948 ging es dem bildungsbürgerlichen protestantischen Beamtensohn und Kriegsheimkehrer (Libyen-Feldzug, gefolgt von amerikanischer Gefangenschaft) um Europas Krise - in grandioser Belesenheit reflektiert an den Kategorien von „Verfall und Fortschritt im Denken der frühen römischen Kaiserzeit“. Nach der antiken Thematik mit Gegenwartsbezug und einem Studienjahr in Harvard konzentrierte Bracher sich auf weitere „Wendezeiten der Geschichte“ (so der Titel einer bilanzierenden Veröffentlichung von 1992). Als erster durchdrang er die Gründe und Zusammenhänge für „Die Auflösung der Weimarer Republik“ - so der Titel seiner magistralen Berliner Habilitationsschrift aus dem Jahr 1955.

          Neu war damals nicht nur der Mut zur klaren Stellungnahme. Bestechend war die Methode, historische Abläufe zu rekonstruieren und mit profunder Analyse der Strukturen zu verbinden: Das Machtvakuum und der Mangel an Selbstschutz - diese beiden Kategorien, die Bracher für den Weimarer Verfallsprozess herausarbeitete, blieben nicht nur analytisch entscheidend, sondern wurden ganzen Generationen von Wissenschaftlern Maßstab für die vielen Durchleuchtungen der Stärken und Anfälligkeiten des (Bonner) Grundgesetzes.

          Fundament der Bonner Republik

          Es war kein Zufall, dass der Analytiker des Verfalls von Weimar zum Gründer der Politischen Wissenschaft am Bonner Regierungssitz wurde. 1959 etablierte Karl Dietrich Bracher das Seminar für Politische Wissenschaft am Bonner Hofgarten. Es wurde nie eine verlängerte Dependance des Politikbetriebes, aber je länger je mehr die erste Adresse, um mit Autorität Deutungen der aktuellen Politik unter den Anforderungen ihrer historischen Herleitung zu erhalten. Von Heuss bis Weizsäcker, von Brandt über Schmidt bis Kohl kannte Bracher alle im politischen Bonn und viele fragten nach seinem Rat. Diskret blieb er dabei fast immer und wirkte doch nachhaltig beim geistigen Bau der Fundamente der Bonner Republik mit. Sein Engagement im Münchner „Institut für Zeitgeschichte“ und bei der Entstehung des Bonner „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ sind bleibend zu spüren.

          Mit seinen brillanten Studien „Stufen der Machtergreifung“ (1960) und „Die deutsche Diktatur“ (1969) schrieb Karl Dietrich Bracher sich unauslöschlich in den Olymp der Zeitgeschichtswissenschaft und zugleich in die Geschichte der politischen Kultur der Bundesrepublik. Nicht weniger galt sein ebenso konzentrierter wie kraftvoller gedanklicher Zugriff auch den Fragen des geistigen Ursprungs politischen Handelns - vor allem in der, ebenso wie seine historischen Werke, international weit beachteten Studie „Zeit der Ideologien“, mit der er 1982 einen weiteren Klassiker vorlegte.

          Pluralität als Lebensweise

          Vorträge und Gastprofessuren in aller Welt - namentlich in Stanford, Princeton und Oxford, in Israel, Kanada und Japan -, wissenschaftliche Ehrungen und ein immer größer werdender Kreis von schließlich über 140 Promovenden und Habilitanden zeugen von der weiten Ausstrahlung Brachers. Bonn blieb er trotz Rufen nach Hamburg, Harvard und Florenz treu. Der Bundespräsident nahm ihn in den Orden „Pour le mérite für Wissenschaften und Künste“ auf, die größte öffentliche Ehrenbezeugung für den public intellectual Bracher.

          Pluralität als Lebensweise - so könnte man sein Lebensmotto definieren in Absage an alle von ihm in einem langen Leben erfahrenen, erlittenen und glücklich überstandenen totalitären Denk- und Lebensformen. Getreu Senecas Ratschlag, lang und in Weisheit zu leben, genoss er auf Spaziergängen bis zum Lebensende den Blick über Bonn, der ihn an die Berge seiner schwäbischen Heimat erinnerte. Als Lutheraner liebte er die dort von Balthasar Neumann gebaute Kreuzberg-Kapelle mit der Replika der Scala Sancta, die ihm Rom fast täglich nahebrachte, für ihn der Inbegriff von Zivilisation und Lebensfülle.

          Im Bonner „Haus der Geschichte“.

          Über seine Emeritierung 1987 hinaus nahm Bracher regen Anteil an den Umwälzungen der Welt. Er hielt Vorträge in China über die Folgen der deutschen Einheit für die europäische Ordnung und referierte 1998 in Moskau (nach 1974 ein zweites Mal unter geänderten Vorzeichen) über Formen und Probleme des Umgangs mit der Vergangenheit. Dabei gab er weitsichtig zu Protokoll, das und warum für Deutsche wie für Russen Geschichte „als Last und Verantwortung politisch auch nach fünfzig Jahren gegenwärtig und aktuell bleibt“: Er sah die Notwendigkeit für eine „vorbeugende Bewältigung eines Generationenkonflikts“, der grundlegend unverarbeitete „Orientierungsprobleme“ aufwerfen könnte: Der in Russland wie in Deutschland auferstehende neue Rechtsradikalismus sei „eines der Zeichen für die Mängel in einer postdiktatorischen politischen Kultur, die zwischen der Erblast resignativ-obrigkeitsstaatlicher Mentalität und anarchischen Regungen schwankt.“

          Schonungsloses Lernen aus der Geschichte

          Bracher empfahl, was zu empfehlen war: das erfahrungsgesättigte, schonungslose Lernen aus der Geschichte. Er plädierte „entschieden für eine möglichst vorurteilsfreie vergleichende Vergangenheitsbetrachtung der Völker und Staaten“ - ein weltweit in vielen Zusammenhängen über die Gegenwart hinaus zwingender Auftrag. Entgegen der allseits verbreiteten Auffassung, aus der Geschichte könne man nicht lernen, resümierte Bracher sein eigenes wissenschaftliches Werk und Wirken fast trotzig als Beitrag dazu, „Geschichte als Erfahrung“ (Titel seiner intellektuellen Bilanz aus dem Jahr 2001) weiterzugeben, um eben doch ihre schlimmsten Fehlleistungen nicht zu wiederholen.

          Wo immer möglich, entfaltete Karl Dietrich Bracher ein historisch und ideengeschichtlich fundiertes Panorama, lehrreich aber nie belehrend, ermunternd aber nie rechthaberisch, synoptisch aber nie relativistisch. Die Stabilität in Zeiten der Unsicherheit zu wahren blieb ceterum censeo für diesen so menschlichen und warmherzigen, mit einer schalkhaften, fast kindlich-unbeschwerten Fröhlichkeit und Neugier gesegneten Wegbegleiter des 20.Jahrhunderts.

          Sentimental Journey am Klavier

          Auch als er sich aus Altersklugheit versagte, weiter öffentlich aufzutreten, blieb er täglicher Beobachter und privater Kommentator der Weltläufe. Besondere Herzensanliegen waren ihm die Europäische Union, die atlantische Zivilisation und die Verbundenheit der Deutschen mit Israel. Seine Frau Dorothee - Tochter von Rüdiger Schleicher, einem Schwager von Dietrich Bonhoeffer und wie dieser heimtückisches Opfer der Nazis nach dem 20.Juli 1944 - war seine erste und engste Gesprächspartnerin in 65 Ehejahren. Mit ihr und zwei Kindern erlebte er das volle Lebensglück und dessen Grenzen in den naufrages de la vieillesse.

          Karl Dietrich Bracher (links, davor mit Kopftuch seine Frau Dorothee) bei einem Besuch im Kloster Sagorsk in Russland, 1998.

          Zu seinem 90. Geburtstag gab er selbst am heimischen Flügel den Ton für das Geburtstagsständchen an, das seine Schüler und Kollegen ihm bringen wollten. Danach riss er alle mit einer fetzigen Interpretation von sentimental journey mit, dem Song, den er in Tübinger Jazz-Kneipen gespielt hatte, um Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre sein Studium zu finanzieren. In früheren Jahren der Hausmusik begleitete Karl Dietrich Bracher seine Frau Dorothee zu Schubert-Liedern am Flügel. Bis in die letzten Lebenswochen spielte der Bonner Gelehrte dort täglich himmlische Choräle in sich hinein. So kann es sein, aufgeklärtes Lebensglück und abgeklärter Frohsinn nach einem Jahrhundert der Krisen und umgeben von neuen Chancen.

          „Die großen Herausforderungen, vor denen wir stehen,“ beendete Karl Dietrich Bracher 1993 seine Studie „Die Krise Europas“, die heute nicht nur eine weitere Neuauflage, sondern in nur wenig abgewandelten Form ernst genommen verdient, „verlangen die weitere Förderung eines europäischen politischen Bewusstseins gegenüber einer bloß wirtschaftlich und einzelstaatlich motivierten Interessen- und Machtpolitik. Nur dann kann das freie Europa die vier großen aktuellen Aufgaben bestehen: den so schwierigen Wiederaufbau Osteuropas nach Kräften zu stützen; die nationalistischen Anfechtungen von rechts oder links aufzufangen; den antidemokratischen Extremismus und Terrorismus abzuwehren; und für die wachsenden Probleme der Entwicklungsländer im fatalen Nord-Süd-Gefälle aufgeschlossen zu sein. Behaupten kann es sich nicht als eine parzellierte Insel der Privilegierten, sondern nur als ein handlungsfähiger Partner der Weltpolitik.“

          Nur ein wenig anders müsste man 2016 formulieren, wollte man aufzeigen, wie die Europäische Union zu erneuern wäre. Am Montag, dem 19.September, ist Karl Dietrich Bracher im 95.Lebensjahr gestorben.

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