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Historiker Peter Paret tot : Meister des Spagats

  • -Aktualisiert am

Peter Paret (1924 - 2020). Bild: 51159987 © Thomas Müller / Agen

Zwischen Militär-, Kultur- und Kunstgeschichte, seinen Domänen, hielt er sich von modischen Methodendiskussionen fern: Mit 96 Jahren ist der amerikanische Historiker Peter Paret verstorben. Ein Nachruf.

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          Wenn er großzügig zu einem Essen einlud, oft gemeinsam mit seiner Frau Isabel, einer Psychoanalytikerin, konnte man gewiss sein, dass das Ambiente stilvoll, das Gespräch schnörkellos und ein guter Wein selbstverständlich war. Peter Paret verband, was es nach gängigem Urteil nicht mehr geben konnte – die grenzenlose Bildung eines Bürgers europäischen Gepräges und den unpathetischen Stil eines angelsächsischen Gentlemans, der in den Vereinigten Staaten jene Liberalität lebte, welche diesem Land allzu leicht abgesprochen wird.

          Kultur umgab und prägte Paret, der am 13.April 1924 in der Viktoriastraße in Berlin-Tiergarten als Enkel des Kunsthändlers Paul Cassirer und Sohn des Privatgelehrten Hans Paret geboren wurde, seit seiner Kindheit. Kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten folgte er im Januar 1933 seiner jüdischen Mutter nach Wien. Über Frankreich und England kamen sie 1937 nach Amerika. Nach drei Semestern im kalifornischen Berkeley meldete sich Paret zum Dienst in der amerikanischen Armee. In Berlin hatte er noch Max Liebermann getroffen; in seiner Infanterieeinheit, die in Neuguinea, auf den Philippinen und in Korea eingesetzt war, dominierten Soldaten ohne Highschool-Abschluss. Weder hier noch später zog sich Paret auf Hochmut zurück. „Seit wann“, so schrieb er, „schützt hohe Kultur ihre Träger gegen eigene Jämmerlichkeit?“

          Krieg, Strategie und Gesellschaft

          Die Kriegserfahrung amerikanisierte Paret, und er hat sie über Jahrzehnte hinweg intellektuell verarbeitet. Die Militärgeschichte war schon auf dem Weg, verpönt zu werden, als er 1960 in London seine Dissertation über die preußische Infanterie um 1800 abschloss, um fortan in immer neuen Varianten das Wechselspiel von Krieg, Strategie und Gesellschaft zu erkunden – als Professor für Geschichte an der University of California, Davis, und der Stanford University, als Mitglied im Institute for Advanced Study in Princeton.

          Seit den siebziger Jahren intensivierte er das frühe Interesse an Literatur und bildender Kunst. Wie Adolph Menzel, über den er ebenso meisterhaft schrieb wie über die Berliner Sezessionisten und Ernst Barlach, ließ sich Paret stets von seinem genauen Blick auf das Einzelne lenken, um von hier aus Merkmale der jeweiligen Epoche zu erhellen. Gerade in seiner Weigerung, modischen Methodendiskussionen zu folgen, blieb Paret aktuell in seinen Analysen, geschätzt in der Fontane- sowie Clausewitz-Gesellschaft und an der Humboldt-Universität nicht weniger als im Londoner Institute for Strategic Studies und im Pentagon. Als Spagat hat er diese unnachahmliche Breite nie erlebt.

          Wer Paret genau zuhörte, konnte in den feinen Zwischentönen auch jene der Ironie und der klaren Distanzierung von dem erkennen, was er als ungenügende Verallgemeinerungen wahrnahm. Aber stets blieb er verbindlich und vermied es, den eigenen Wertekosmos anderen zu empfehlen. Nobel betonte er stattdessen, wie viel er von den Emigranten der älteren Generation wie Ernst Kantorowicz und Felix Gilbert ebenso wie von jüngeren Kollegen auf beiden Seiten des Atlantiks gelernt hatte. Dass der gelehrte Zugriff auf Wirklichkeit und ihre künstlerische Interpretation auch in der historischen Forschung nicht voneinander getrennt werden können und sollen, war Paret ebenso selbstverständlich wie die Mühe, immer weiter zur „Selbstkenntnis“ zu gelangen. Darin war er nicht zuletzt geschult durch seine Kenntnis der Schriften Freuds und des Psychoanalytikers und Reformpädagogen Siegfried Bernfeld, mit dem seine Mutter in ihrer zweiten Ehe in den Vereinigten Staaten lebte.

          Peter Paret war einer der letzten Vertreter der geflüchteten Generation, die selbst zu Chronisten des zwanzigsten Jahrhunderts wurden. Im Alter von sechsundneunzig Jahren ist er am vergangenen Freitag in Salt Lake City gestorben.

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