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Zum Tod des Zeichners Gotlib : Den Apfel auf den Kopf getroffen

Der Comickünstler als Droog: Selbstportrait von Gotlib mit Referenz an Kubricks „Clockwork Orange“-Verfilmung. Bild: Dargud

Aberwitz war sein Überlebenselixier: Zum Tod des französischen Comicsatirikers Marcel Gotlib, der sogar die „Mad“-Parodien noch eine Umdrehung weiterschrauben konnte.

          Als Marcel Gotlib achtzig wurde, stellte das Jüdische Museum in Paris sein Werk aus. Dadurch wurde seinen Lesern, die in Frankreich nach Millionen zählen, erst richtig bewusst, dass dieser Tausendsassa des Komischen ein Jude war und eine tragische Familiengeschichte erlebt hatte. 1942, als der spätere Comiczeichner acht Jahre alt war, wurde sein Vater, der aus Ungarn nach Frankreich eingewanderte Erwin Gottlieb, von den deutschen Besatzern festgenommen und deportiert. Kurz vor Kriegsende hat man ihn im Konzentrationslager Buchenwald ermordet. Seiner Frau war es gelungen, sich und ihre beiden Kinder zu verstecken, und nach der Befreiung veränderte die Familie ihren Namen zu etwas weniger deutsch Aussehendem. Als Gotlib sollte der am französischen Nationalfeiertag des Jahres 1934 in Paris geborene Marcel Mordechai Gottlieb berühmt werden.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Zu den Comics fand der bekennende Atheist erst mit 28, als er begann, für das von der Kommunistischen Partei Frankreichs herausgegebene Jugendmagazin „Vaillant“ zu arbeiten. Aus dem gleichen Jahr 1962 hat sich ein kleines Skizzenbuch mit einer Geschichte erhalten, die Gotlib für seinen Schwiegervater Jean-Paul Liègeois gezeichnet hatte. Betitelt als „Une vie bien simple“ (Ein ganz einfaches Leben), erzählt sie in sechzehn cartoonartigen Bildern von Liègeois’ Alltag, in dem er von allen Kollegen und Familienmitgliedern (darunter Gotlib selbst) ausgenutzt wird, ohne je die Geduld zu verlieren. Nicht nur, dass damit ein Wesenszug gewürdigt wird, der auch Gotlib zu eigen war, man kann dem Skizzenbuch zudem ansehen, welche Vorbilder der damals Achtundzwanzigjährige hatte: französische Karikaturisten der fünfziger Jahre.

          Wenn der Pelikan auf Newton stürzt

          Doch zugleich weisen einige Bilder eine groteske Dynamik auf, wie sie damals nur das amerikanische Satiremagazin „Mad“ pflegte. Die Adaption von dessen Humor wurde zum eigentlichen Auslöser von Gotlibs Erfolg in Frankreich, und verantwortlich dafür war ein Mann, der in den fünfziger Jahren in den Vereinigten Staaten gearbeitet hatte (unter anderem zusammen mit dem „Mad“-Gründer Harvey Kurtzman) und in den sechziger Jahren die französische Comicwelt im Alleingang umkrempelte: René Goscinny.

          Marcel Gotlib an seinem Schreibtisch in Paris.

          Er war nicht nur der Autor von „Asterix“, dem erfolgreichsten Comic überhaupt, sondern hatte 1959 auch das wöchentliche Magazin „Pilote“ ins Leben gerufen, für das er als Chefredakteur ständig nach begabten Zeichnern suchte. Einer, der ihm auffiel, war Gotlib, und Goscinny lockte ihn dadurch weg von „Vaillant“, dass er ihm eine persönliche Zusammenarbeit versprach. Fortan schrieb Goscinny für Gotlib eine Serie namens „Les Dingodossiers“, die Woche für Woche auf zwei Seiten kulturelle, wissenschaftliche oder politische Phänomene zu erläutern behauptete, das allerdings auf eine Weise tat, die sogar den Aberwitz der „Mad“-Parodien übertraf.

          Als der überarbeitete und vom Streit mit seinen durch die revolutionären Ereignisse des Mai 1968 politisierten Zeichnern zunehmend entnervte Goscinny 1969 nicht mehr dafür weiterschreiben wollte, setzte Gotlib die „Dingodossiers“ allein fort. Er gab den Geschichten aber einen neuen Titel: „Rubrique-à-brac“ (ein Wortspiel mit dem französischen Begriff „bric-à-brac“ für Gerümpel). Bereits in der ersten Folge, die sich pseudozoologisch dem Pelikan widmete, ließ Gotlib einen solchen Vogel auf den in Badehose und gepuderter Perücke faul am Strand liegenden Isaac Newton stürzen, der daraufhin prompt seine Theorie der Schwerkraft entwickelt. Diese Parodie auf die berühmte Wissenschaftsanekdote – Gotlib selbst nannte das angebliche Heureka-Erlebnis des auf Newtons Kopf gefallenen Apfels den größten Witz aller Zeiten – wurde von ihm fortan in der Rubrique-à-brac regelmäßig wiederholt, in stets neuer Konstellation von Newton und diversen abstürzenden Gegenständen. Der englische Gelehrte wurde zu Gotlibs populärster Figur.

          Höchst elaborierter Nonsens

          Zugleich war der Zeichner ein wandelndes Lexikon der Comicgeschichte, der immer wieder Figuren anderer Autoren in den eigenen Geschichten veralberte, am schönsten in einer Rubrique-à-brac von 1970, die acht verschiedene Comic-Helden, darunter Asterix, Lucky Luke und Isnogud, jeweils mit Newton-Perücke auftreten lässt und deren höchstpersönliches Apfelerlebnis schildert. Nur ein Beispiel: Lucky Luke zerschießt den Apfel, ehe er ihm auf den Kopf fällt, weshalb ihm gar nichts einfällt.

          Diese Form des höchst elaborierten Nonsens machte Schule in Frankreich, und als Gotlib 1972 gemeinsam mit seiner Kollegin Claire Bretécher „Pilote“ verließ, um ein eigenes Magazin namens „L’Écho des savannes“ (Ruf der Wildnis) zu gründen, war er auch damit Initiator einer Bewegung. In den Folgejahren kamen die ebenfalls verlagsunabhängigen Magazine „Métal hurlant“ und „À Suivre“ heraus – nicht zu vergessen Gotlibs eigene Gründung „Fluide glacial“ von 1975, die als einziges dieser Magazine heute immer noch erscheint.

          Er war eine Legende zu Lebzeiten, der Maßstab für alle satirischen Zeichner in Frankreich, ob in „Charlie Hebdo“ oder sonst wo. Niemand aber besaß diese grafische Eleganz und den überschäumend wortspielenden Einfallsreichtum, der seine Geschichten bis auf wenige Ausnahmen unübersetzbar machte. Am vergangenen Sonntag ist Marcel Gotlib in seinem Haus bei Paris mit 82 Jahren gestorben. 150 Zeichnungen hat er vorher noch dem Jüdischen Museum geschenkt, Atheist ist er geblieben.

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