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Kurs des Hessischen Rundfunks : Weniger Kultur wagen?

  • -Aktualisiert am

Die Pläne der Senderführung beim HR sind ein Misstrauensvotum gegen die eigenen Mitarbeiter. Bild: Ricardo Wiesinger

Beim Hessischen Rundfunk soll das Radio-Kulturprogramm hr2 nach dem Willen der Senderführung verschwinden. Die Argumentation für diesen Schritt ist typisch. Sie zeugt von Verachtung – für die Kultur, die Mitarbeiter und die Beitragszahler.

          Der Hessische Rundfunk (hr) arbeitet im öffentlichen Auftrag. Er lebt von Rundfunkbeiträgen. Ihnen kann sich kein Bürger, kein Unternehmen und nicht einmal jemand entziehen, der gar kein Rundfunkgerät besitzt. Die Begründung dafür lautet, öffentlich-rechtliche Sender trügen zur Demokratie bei.

          Das könnten zwar mit ähnlichem Recht auch der Reclam Verlag, Jürgen Habermas oder die „Neue Osnabrücker Zeitung“ sagen, ohne dass bislang Zwangsabgaben auf ihre Hervorbringungen erhoben worden wären. Aber sei’s drum. Fragen wir nur, wodurch denn der Rundfunk zur Demokratie beiträgt. Bei manchen Sendern liegt es auf der Hand, Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur etwa. Bei manchen Sendungen auch: politische Magazine beispielsweise, Nachrichten, Dokumentationen, Features, „Die Sendung mit der Maus“ und womöglich sogar Spielfilme und Talkshows, auch wenn die Meinungen hier schon auseinandergehen.

          Daneben gibt es Programme, die sich nur mühsam auf das politische Gemeinwohl beziehen lassen, von den Quizshows über die Dutzende Krimiserien und ganze Sender, die sich dem Abspielen von Popmusik widmen, bis zum Fußball. Neulich meinte eine Medienprofessorin, in den Pausen der Länderspiele schauten die Leute ja die Kurznachrichten, so sei das doch auch ein Beitrag zur Demokratie. Wo genau sich die Zuschauer in den Länderspielpausen befinden, während das Quotenmessgerät weiterläuft, dazu steht Forschung offenbar noch aus.

          Die Ausreden waren auch schon einmal besser

          Zurück zum hr. Der ist gerade dabei, sein Radio-Kulturprogramm hr2 abzuschaffen. Die Argumentation ist typisch. Man möchte, obwohl man schon einen Jugendsender hat, mehr für die Jugend tun. Die Jugend aber lebt digital. Also muss für die Umschichtung der Mittel in Richtung digitaler Jugend woanders gespart werden. Ob die Jugend dem Radio zuströmen wird, ist dabei völlig offen. Der hr könnte sich beim Radio „Nova“ vom Deutschlandfunk einmal erkundigen, wie die bundesweiten Zahlen so sind.

          Die hunderttausend Hörer täglich, die hr2 mit seinen vielgelobten Literatursendungen, Debattenrunden und Kulturformaten erreicht, sind den Senderchefs jedenfalls zu wenig. Vor allem aber sind sie ihnen zu alt. Hier beginnt die Verachtung der zahlenden Kundschaft, die nur möglich ist, weil sie zahlen muss. Was tut denn ihr Alter zur Sache? Die Hörerin, die heute sechzig ist, hat gute Chancen, noch zwanzig, dreißig Jahre lang das Radio einzuschalten. Oder wird die Demokratieabgabe folgerichtig bald nur noch von der Gruppe „35 und jünger“ erhoben? Junge Leute wird der Sender jedenfalls wohl kaum erreichen, indem er hr2, wie geplant, zu einer Abspielstation für die sogenannte klassische Musik macht, weil das billig ist. Man habe die Jungen bislang diskriminiert, lässt der Hörfunkdirektor verlauten. Und jetzt will er sie zurückholen, indem er seinen renommierten Kultursender veröden lässt?

          Ganz viele Menschen interessierten sich für Bücher, sagte der Hörfunkdirektor neulich vor seinen Mitarbeitern, würden aber vom Begriff „Literatur“ abgeschreckt. Darum Schluss mit Kultur? Die Ausreden waren auch schon einmal besser. Mitunter kann man sich dem Eindruck nicht verschließen, diejenigen, die Kultur herunterreden, wollten nur nicht zugeben, selbst kein Verhältnis mehr zu ihr zu haben. Niemand zwingt den hr, eine Literatursendung „Literatursendung“ zu nennen, wenn das denn so abschreckend sein sollte. Niemand zwingt ihn, ein Kulturprogramm vor allem für Ältere zu machen.

          Finanzierung der Rentenlast

          Aber um inhaltliche Überlegungen geht es gar nicht. Die Pläne von Intendant Krupp und Hörfunkchef Sommer sind ein Misstrauensvotum gegen die eigenen Mitarbeiter, es steckt Verachtung gegen das von ihnen Geleistete in ihnen. Und ein Mangel an Zuversicht, diese Redaktionen könnten sich verjüngen. Das haben sie im Übrigen längst getan.

          Demokratieförderung also durch Brandenburgische Konzerte und vage bleibende Formate für die Jugend? Der Hessische Rundfunk verweist für seine Pläne mit hr2 auf den Erfolg des Senders Bayern-Klassik. Da heute jeder Sender praktisch überall empfangen werden kann, führt das zur Frage, wie viele öffentlich-rechtliche Klassikradios und Popradios es bundesweit denn geben muss. Schließlich hat die entsprechende Musik, anders als Wortsendungen, zumeist keinen regionalen Bezug.

          „Wir müssen jünger, digitaler und diverser werden“, war die einzige Auskunft gegenüber den Mitarbeitern, als die fragten, ob man nicht womöglich treue Hörer verliere, wenn man rücksichtslos auf solche setze, die noch gar nichts davon wissen, dass der hr jetzt jung, digital und divers wird. Dem antwortet die Phrase des Tages. „Wir müssen jünger werden“, das sagen eine 59 Jahre alte Fernsehdirektorin, ein 63 Jahre alter Hörfunkdirektor und ein ebenso alter Intendant. Dabei ist Jugend, welche Ironie, nur eine Ausrede, um die Finanzierung der Rentenlast zu ermöglichen, die auf den Sendern liegt. Es sind dem hr die eigenen Rentner eben näher als die im Publikum.

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