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Friedenspreis für Jaron Lanier : Seine Waffe ist die Aufklärung

  • -Aktualisiert am

Unser Zwilling ist berechenbar

Lanier hat dazu vergangenes Jahr in der „New York Times“ ein paar lesenswerte Gedanken formuliert und sich der Frage unserer aller digitalen „Passivität“ gewidmet. Um zu zeigen, was „Daten“ sind, verweist er gern auf das mittlerweile notorische Beispiel Instagram: Gegründet 2010 mit nur dreizehn Mitarbeitern und ohne Business-Plan, wird das Unternehmen zwei Jahre später für eine Milliarde Dollar von Facebook gekauft.

Bundespräsident Joachim Gauck hat das schöne Wort vom „digitalen Zwilling“ geprägt, jenem Doppelgänger, der uns unweigerlich ersetzt und der in einer Welt, in der bereits heute das Facebook-Login manchmal den Pass ersetzt, am Ende mehr Wirklichkeit hat als das Double aus Fleisch und Blut. Wo die Manipulation der Simulation identisch wird mit der Manipulation des Phänomens, wird sogar fragwürdig, wo das „Ich“ eines Menschen überhaupt residiert: dort, wo wir es glauben, oder nicht doch eher dort, wo andere sagen, dass hier das „wahre“ Ich entzifferbar wird - seine Wünsche, Pläne, Strategien oder Gefühle. „Wir kennen Sie besser als Sie sich selbst“, dieser Lieblingssatz von Überwachungsinstituten staatlicher und ziviler Art geht in den Augen von Lanier zudem mit einer Wiederkehr eines fast behavioristischen Menschenbilds einher. Einen Vorgeschmack lieferte vor ein paar Monaten die „New York Times“, als sie offenbarte, mit welchen über Facebook- und Pay-TV gesteuerten Strategien Obama seine letzte Wahl gewann.

Zu behaupten, die Warnungen seien zu düster, müsste in der Post-Snowden-Welt eigentlich schwerer fallen. Politische und medial abwiegelnde Interventionen, selbst die von der nachdenklichen Katrin Göring-Eckardt, setzten voraus, dass das Selbst-Gefühl, das „Ich“ des modernen Menschen immer intakt gegen solche Zumutungen Einspruch erheben kann. Aber das ist die Orwell-Variante der Zukunft, die auch in den Augen Laniers die unwahrscheinlichste ist. Viel wahrscheinlich ist, dass nicht nur wir selbst, sondern auch die Institutionen von denen wir abhängen - vom Arzt über den Richter bis zum Bankbeamten -, zwischen den beiden Zwillingen nicht mehr unterscheiden können und im Zweifelsfall dem berechenbareren den Vorzug geben.

Wissen, was sie tun

Der Friedenspreis an Lanier kommt zu einem Zeitpunkt, wo auch die deutsche und europäische Industrie ahnt, was auf sie zukommen wird, wenn einige wenige Giganten mehr über ihre Kunden und einige Geheimdienste mehr über ihre Pläne wissen, als sie es je für möglich hielten. Eine unregulierte Informationsökonomie, soviel ist klar, führt zur Autonomieverlusten, die vom Einzelnen bis zu ganzen Branchen reicht.

Es gibt Auswege, und Lanier ist einer von denen, der sie aufzeigt: Gleichsam „ethische“ Systeme, die ihre Algorithmen offenlegen, einem erklären, welche Daten sie wofür benutzen und wofür man sich verkauft, wenn man angeblich kostenlose Dienste benutzt, sind pragmatische Schritte. Das Bewusstsein dafür, dass Daten identisch mit dem menschlichen Leben werden können, erzwingt ein fundamentales Umdenken darüber, ob Algorithmen automatisch Geschäftsgeheimnisse sein können oder nicht offengelegt werden müssen.

Soeben hat die Internetplattform irights.info einen überaus lesenswerten Artikel des amerikanischen Rechtsprofessors Eben Moglen veröffentlicht, der zeigt, dass wie sehr sich auch in der amerikanischen Avantgarde das Denken zu verändern beginnt. „ Um zu entscheiden, ob wir ihnen unsere Daten geben“, schreibt Moglen, „müssen wir wissen, was sie wirklich tun.“ Das ist die Waffe: Aufklärung. Und das Echo gibt Jaron Lanier. Als Kind des Silicon Valley weiß er, was sie tun. Und er weiß, dass wir auf die dunkle Seite der Macht wechseln, wenn sie es weiterhin tun.

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