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Florian Illies’ Rowohlt-Abgang : Was war das denn?

Florian Illies im September in Berlin Bild: dpa

Der Abgang von Florian Illies bei Rowohlt lässt den Verlag nicht gut dastehen. Nun äußern sich die Schriftsteller Daniel Kehlmann, Eugen Ruge und Lucy Fricke zu der Posse.

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          Eigenartig rührselig war die Pressemitteilung, mit der der Holtzbrinck-Konzern am Freitag bekanntgegeben hat, dass Florian Illies nach nur einem Jahr als Verleger des Rowohlt Verlags seinen Posten „auf eigenen Wunsch“ wieder abgeben werde. Illies erklärte, er sei „tief beeindruckt von der großen Kompetenz und der Liebe der Rowohltianer zu ihrem Verlag“ und „nachhaltig erfüllt von all den Begegnungen mit seinen Autorinnen und Autoren“. Er habe sich „nach reiflicher Überlegung“ aber dafür entschieden, einen anderen Weg zu gehen und sich dem Schreiben zu widmen.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und Stefan von Holtzbrinck bekundete seinen Respekt, dankte Illies für seine „wertvolle Arbeit an der Spitze des Rowohlt Verlags“, für den 2019 ein „außerordentlich starkes Jahr“ gewesen sei. Eine beinahe witzige Bemerkung, da die Mehrheit der Bücher, die 2019 dort erschienen sind, natürlich noch von Illies’ Vorgängerin Barbara Laugwitz eingekauft worden waren – von Wolfgang Joop und Christoph Amends Büchern einmal abgesehen, die allerdings in den Verkaufszahlen unter den Erwartungen blieben.

          Was bedeutet das für die Autorinnen, Autoren und Verlagsmitarbeiter? Barbara Laugwitz musste im Herbst 2018 bei Rowohlt gehen, damit Illies in einem von langer Hand geplanten Coup auf den Thron gesetzt werden konnte. Die Reihe der Autoren, die sie bisher mit zum Ullstein-Verlag genommen hat, dessen Verlegerin sie inzwischen ist, ist beachtlich: Renate Bergmann, Anika Decker, Vince Ebert, Anne Fleck, Lucy Fricke, Leonard Horowski, Vincent Klink, Moritz Matthies, Max Moor, Hans Rath, Helene Sommerfeld, Katharina Thalbach. Diejenigen, die geblieben sind, erwartet eine Phase der Unsicherheit. Es gibt zwar Gerüchte über eine Nachfolge, ein Name wurde aber noch nicht bekanntgegeben. Es dauert also, bis alles wieder von vorne beginnen kann.

          Wie sehr das Holtzbrinck-Management sich mit seinen Plänen verzockt hat, liegt auf der Hand und wird auch von einigen Autoren des Verlags so empfunden. „Es geht jetzt nicht darum, Florian Illies’ ,persönliche Gründe‘ zu bewerten“, sagte der Schriftsteller Daniel Kehlmann am Freitagabend im Gespräch mit der F.A.S. „Das würde die Aufmerksamkeit nur wieder einmal von den eigentlich Verantwortlichen für das Chaos, den Managern der Holtzbrinck-Gruppe, ablenken, die einer erfolgreichen und erfahrenen Verlegerin kündigten, ohne je einen Grund dafür zu nennen, nur um sie durch einen bedeutenden, aber im Verlagsgeschäft unerfahrenen Schriftsteller zu ersetzen. Auf Nachfrage hieß es damals immer nur, wir Autoren sollten doch abwarten und der Weisheit der Manager vertrauen. Das ist das Resultat.“

          Auch der Rowohlt-Autor und Buchpreisträger Eugen Ruge zeigte sich gegenüber dieser Zeitung fassungslos: „Was soll man dazu noch sagen? Es ehrt Florian Illies beinahe, dass er rechtzeitig die Kurve kriegt. Bestraft werden müssten die Strippenzieher und Einflüsterer, aber stattdessen wird die Konzernleitung erneut verkünden, dass alles großartig ist und noch großartiger zu werden droht – und den Strippenziehern weiter Managergehälter zahlen. Verlage sollten von Verlegern geleitet werden, nicht von Managern. Ansonsten sollen sie doch ihre Bücher gleich selber schreiben! Wie wär’s für den Anfang mit einem Ratgeber: Wie verschleiße ich in einem Jahr zwei Verleger, beunruhige die Belegschaft, bringe die Autoren gegen mich auf und behalte trotzdem meinen Job? – Ärgerlich, dämlich und schwer wiedergutzumachen.“

          Und die Schriftstellerin Lucy Fricke, die erst im Sommer von Rowohlt zum Claassen-Verlag wechselte, der zu Ullstein gehört, sagte: „Es ist bitter. Ich finde diese ganze Geschichte von Anfang bis Ende nur noch unanständig und peinlich. Eine kurze Geschichte, die leider enormen Schaden hinterlassen hat und hinterlassen wird. Auch die Rowohlt-Autorinnen und -Autoren würden sich gerne wieder dem Schreiben widmen.“ Aber wie wichtig nimmt man die? „Autoren kommen, und Autoren gehen“, soll der Spruch eines Holtzbrinck-Managers lauten, der in Verlagskreisen kursiert.. Florian Illies wird dem Konzern offenbar erhalten bleiben. Stefan von Holtzbrinck freut sich schon „auf die Fortsetzung seiner Arbeit als Buchautor der Verlagsgruppe wie auch auf die vertrauensvolle und inspirierende Zusammenarbeit im Herausgeberrat der ,Zeit‘.“

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