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Lorraine Daston wird 70 : Zeichen am Himmel lesen wie Skizzen zum Tanz

Wissenschaftshistorikerin und 2019 emeritierte ehemalige Direktorin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin: Lorraine Daston Bild: Picture-Alliance

Sich für Natur zu interessieren ist unnatürlich, aber mit Raten und Testen verwirklicht sich dabei die menschliche Vernunft: Zum Siebzigsten der Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston.

          2 Min.

          Bei grotesken Sätzen wie „Armenier können nicht hüpfen“ oder „Alle Menschen sind blau“ braucht man sich nicht mit den abstrusen Inhalten auszukennen, die vielleicht gemeint sind, um die Aussageform „Vorurteil“ zu identifizieren. Aber wie steht’s mit: „Die Natur hat immer Recht“? Dass man zum Beispiel aus der naturgegebenen Essbarkeit des Menschen nicht schließen darf, Kannibalismus sei die Lösung aller Hungerprobleme, wissen auch Leute, die den Gedanken nicht „naturalistischen Fehlschluss“ nennen. Die amerikanische Wissenschaftshistorikerin und 2019 emeritierte ehemalige Direktorin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin Lorraine Daston hat in einem Traktat namens „Against Nature“ (auf Deutsch 2018 als „Gegen die Natur“ erschienen – „Wider die Natur“ wäre, als Echo der urigen Rechtsbestimmung „Widernatürlichkeit“, noch einen Tick treffender gewesen) die Frage der Suche nach „Werten in der Natur“ erörtert.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Sie rät darin davon ab, die Gründe für diese Suche „in weitverbreiteten Irrtümern, verkümmerten religiösen Glaubenshaltungen oder schlampigen Denkgewohnheiten“ zu suchen, weil damit nichts erklärt sei, es sei denn, man wüsste zusätzlich zu sagen, was jene bedingt. Anstatt das zu versuchen, baut Daston eine kleine Anthropologie – der hartnäckige Fehlschluss wird auf keine kognitive Ursünde zurückgerechnet, sondern als menschentypisch agnosziert, um von dort aus ein paar belangvolle Grenzen menschlicher Vernunft abzutasten.

          Immer geht's um das, was Menschen dringend brauchen

          Soll man überhaupt zwischen Natur einerseits und Gesellschaft andererseits unterscheiden? Wolken reden nicht vom Wetter, Wölfe nicht vom Rudel, aber das heißt nicht, dass es das, was Menschen mit „Natur“ meinen, „nicht gibt“; die Begriffsbildung erfolgte nicht aus nichts. Probleme blühen aber im Grenzwechsel: Man kann Elektrizität weniger leicht zu etwas überreden als ein Gemeinwesen, aber in diesem lässt sich wieder schwerer ein Hebel ansetzen als in der Mechanik. „Richtung“ ist keine schwache Metapher für das, was das Wortpaar „Natur und Gesellschaft“ anspricht: Man mag nach links gehen, aber nicht ohne Weiteres „links ankommen“, so wenig wie man Natur so verlassen kann, dass man nur noch von Gesellschaft umgeben ist oder umgekehrt.

          Natur „berichtigt“ sich nie, aber Menschen können das, füreinander – eine besondere Art der Zusammenarbeit, Voraussetzung nicht zuletzt der Wissenschaft. Einige der besten Arbeiten Lorraine Dastons sind exakt in diesem Sinn Kollaborationen: Das Buch „Objektivität“ (2007) mit Peter Galison enthält ein frappierendes Kapitel über die kuriose Rolle der Mechanisierung des Weltdarstellens in moderner Erkenntnislehre; der Band „Wunder und die Ordnung der Natur“ (1998, deutsch 2002) mit Katharine Park illuminiert Ausnahmen, die den Regelbegriff „Naturgesetz“ möglich machen; und die mit Elizabeth Lunbeck herausgegebenen „Histories of Scientific Observation“ (2011, leider noch nicht auf Deutsch) analysieren die Pluralität der Verfahren, die nötig sind, um die Einheit wissenschaftlicher Gegenstandsbereiche zu denken. Immer geht’s um das, was Menschen dringend brauchen: Beweglichkeit beim Ineinanderüberführen von Raten und Testen – das Raten muss dem Stumpfsinn von Testreihen, die oft nur bestätigen können, was man schon zu wissen meint, ab und zu davonrennen, das Testen sollte das Raten wieder einfangen, wenn es sich verrennt.

          Lorraine Daston schaut beiden zu wie eine Choreographin, die sich bei Vogelschwärmen Ideen holt. An diesem Mittwoch wird sie siebzig Jahre alt.

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