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Eine Stadt und ihre Zukunft : In Odessa

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Abendstimmung am Strand von Odessa Ende April Bild: Vladimir Shtanko/Anadolu Agency via Getty Images

Hier hatte sich einst Puschkin unsterblich verliebt, und Sergej Eisenstein drehte „Panzerkreuzer Potemkin“. Putin hat Odessa als einzige Stadt in seiner Rede vom 9. Mai erwähnt. Eine Abendstimmung.

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          Odessa am Abend: Die meisten Geschäfte sind geschlossen, und im Zentrum erfreuen sich die Menschen an den letzten Sonnenstrahlen des Tages. Sie sitzen auf Bänken, Paare halten Händchen, Kinder spielen fangen, und junge Frauen fotografieren einander. Lachen, Ausgelassenheit. Die Stimmung gleicht der eines ganz normalen Sonntags, aber es ist Dienstag, und die vergangene Nacht war eine der schlimmsten seit Kriegsbeginn. Man saß im Auto, auf dem Weg von Chisinau nach Odessa, etwas angespannt, weil der Fahrer so sportlich-ambitioniert heizte, als würde die Ukraine bald abgeriegelt, da schrieb der Bekannte aus Odessa in seinem unverwechselbaren Humor: „Du hast eine wunderschöne Nacht verpasst. Sieben Raketen.“ Ob er Angst gehabt habe? „Adrenalin.“ Dann wünschte er eine gute Reise.

          Und jetzt ist man also hier, in jener Stadt am Schwarzen Meer, in der sich Puschkin einst unsterblich verliebte, Sergej Eisenstein „Panzerkreuzer Potemkin“ drehte und in deren Zentrum an diesem Tag außer einigen Sandsäcken und Uniformierten kaum etwas darauf hindeutet, dass Putin die Ukraine überfallen hat. Was hatte man erwartet? Eine ausgestorbene Stadt, deren Bewohner sich in die Keller geflüchtet haben, aus Angst vor dem nächsten Raketenangriff? Verzweiflung? Erschöpfte Gesichter? Doch man sollte sich nicht täuschen lassen von dieser Momentaufnahme. Die entspannte Atmosphäre ist in Wahrheit wohl nur ein kurzes Durchatmen. Es wäre naiv, sie falsch zu deuten.

          Von 22 Uhr an gilt eine Ausgangssperre. In einem Interview mit dem lettischen Fernsehsender TV3 sagte Oleg Bryndak, der stellvertretende Bürgermeister, Odessa sei die einzige Stadt, die der „Präsident des Angreiferlandes“ in seiner Rede anlässlich des 9. Mai erwähnt habe. Daraus lasse sich schließen, dass Putin besondere Pläne für Odessa habe. Pläne, so Bryndak, die niemals wahr werden würden. Im Telegram-Kanal der Stadt heißt es: „Gestern Nacht hat der Feind wieder einmal heimtückisch auf uns geschossen. Aber er bricht nicht unseren Kampfgeist und unser Siegesvertrauen!“ Scrollt man weiter, liest man zum Glück hin und wieder sogar etwas Erfreuliches: Vergangene Woche wurden „106 kleine Ukrainer geboren“. Es ist auch ihre Zukunft, die auf dem Spiel steht.

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

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