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Zukunft des Urlaubs : Der letzte Sommer der Utopie

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Der Sprung in die Freiheit. Bild: Getty, Bearbeitung F.A.S.

Wir wissen nicht mehr, was in zwei Wochen sein wird. Strikte Regeln müssen uns schützen. Könnte es sein, dass die intensive Beschwörung des Sommers eine Kränkung wiedergutmachen soll, die mit dem Virus verbunden ist? Ein Gastbeitrag.

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          Geht es ohne Sommer? Natürlich nicht. Denn Sommer ist keine Jahreszeit. Sondern die Chiffre für Erholung, Genießen und Ferien. Sommer ist die Kurzformel für Urlaub als die große Wiedergutmachung, die einem zusteht. Und der ist am Beginn des 21. Jahrhunderts die letzte große private Utopie: das Territorium der Freiheit, für zweimal drei Wochen im Jahr.

          Sommer ist also die erlösende Zukunft. Deswegen die Bestürzung, als in Deutschland am 12. April 2020 – immerhin Ostersonntag, also Wiederauferstehung des Herrn – die EU-Kommissionspräsidentin offiziell davor warnte, Sommerferien zu buchen. Niemand könne wissen, wie die Lage im Juli oder August aussehen werde.

          Danach war die Frage nach dem Sommer in den deutschen Medien der Dauerbrenner schlechthin, gemischt mit Ermahnungen, ihn doch bitte daheim verbringen. Also nur Hiddensee, Amrum, Bayrischer Wald? Oder würde es ihn doch geben, den „Korridor in den Süden“? (Das stand da wirklich.)

          Sehnsucht nach Urlaub

          Die Überschriften trompeteten von „Hoffnung“ und „Sehnsucht“, und der „Spiegel“ machte Anfang Mai mit der Zeichnung einer unglücklichen Kleinfamilie am Strand mit Schutzmasken auf der Titelseite auf. „Wo wir im Sommer Urlaub machen können – und was aus unseren Lieblingsländern wird.“

          Unseren, wohlgemerkt. Denn Sommerurlaub, konnte man darunter nachlesen, ist nationaler Durchmarsch. Von den Ferien der Spanier, Österreicher oder Italiener war keine Rede. „Mittlerweile“, verkündeten die Autoren stolz, „geht es nirgendwo mehr ohne die Deutschen“.

          Deren Feriensommer ist offensichtlich Errungenschaft, Aufgabe und Vorrecht in einem; ein großes „Wir“ in Badehosen. Komisch. Hatte nicht dasselbe Nachrichtenmagazin im August 2018 seine Titelgeschichte dem overtourism gewidmet? Überschrift: „Das verlorene Paradies. Wie der Reisende das zerstört, was er liebt.“

          Reden von den Ferien handelt gewöhnlich von den Erinnerungen, vom Eislutscher, dem Strand, dem Glück von früher. In Wirklichkeit beruhen Ferien auf dem genauen Gegenteil: dem Vergessen. Zum Beispiel der Medienberichte von 2017, 2018, 2019 über überfüllte Städte, Strände und Berge, von Berlin und Venedig bis Südtirol und Mallorca.

          Was sucht man eigentlich in den Ferien?

          Was hatten die fast eineinhalb Milliarden Menschen eigentlich gesucht, die sich im vergangenen Jahr weltweit auf die Suche nach dem gelungenen Urlaub gemacht hatten, nach der Auszeit, der Wiedergutmachung des eigenen Lebens durch Reisen?

          Ferien sind das Versprechen, dass man Veränderung und Überraschung bestellen könne, als unfehlbare Anti-Überdruss-Maßnahme gegen den eigenen Alltag. So richtig funktioniert das aber nur in der Theorie. In der Praxis bin ich häufig mit Überdruss am Anti-Überdruss zurückgekommen.

          Reisen war schon lange vor Covid-19 eine sehr postromantische Angelegenheit. Aber kaum waren in der Krise alle Grenzen geschlossen worden, schon war sie wieder da, die Sehnsucht. Ein Artikel bei „Spiegel Online“ schilderte am 15. März, fünf Tage nach der Verhängung der Ausgangssperre für ganz Italien, wie menschenleer und charmant Rom jetzt sei.

          „Keine Autos mehr, nur gelegentlich die Hubschrauber über den Dächern und die Möwen.“ So geht Tourismus: die ästhetische Erfüllung im Anderswo, die du wieder nicht erreicht haben wirst, weil sie nur in deiner Abwesenheit stattgefunden hat.

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