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Kommentar zum Einheitsdenkmal : Wippe wird Waage

Der beliebteste aber ungeeignetste Entwurf: „Buerger in Bewegung“ von der Arbeitsgemeinschaft Milla und Partner sowie der Choreografin Sasha Waltz. Bild: dapd

Vage Zukunft für die Waage: Der Kulturausschuss im Bundestag berät, wie es mit dem Einheitsdenkmal weitergehen könnte. Sollte er die anderen Entwürfe bedenken?

          Wie lange dauert es, bis man eine Fehlplanung als das erkennt, was sie ist: eine Verschwendung von Zeit und Nerven? Wir reden hier nicht vom Flughafen BER, der besser und billiger vor sechs Jahren im Rohzustand abgerissen worden wäre, als in seiner jetzigen Ruinenflickform fertiggestellt zu werden, sondern vom Freiheits- und Einheitsdenkmal, der zweiten großen städtebaulichen Lachnummer Berlins.

          Der Haushaltsausschuss des Bundestags hat die Pläne für die „Wippe“ im vergangenen April aus Kostengründen gestoppt. Danach gab es Gemurre, offene Briefe von Wippenfreunden und Podiumsdiskussionen. Im November dann wollte derselbe Haushaltsausschuss, plötzlich spendabel geworden, ein paar teure wilhelminische Kolonnaden auf den Standort vor dem Schlossbau hieven, und jetzt liegt der Fall wieder beim Kulturausschuss. Was aber soll die heutige, übrigens nichtöffentliche Anhörung im Ausschuss eigentlich bringen?

          Am besten den Ungeeignetsten!

          Die Geladenen entstammen fast alle dem Freundeskreis der „Wippe“, von Johannes Milla, der noch einmal den Entwurf seiner Stuttgarter Event-Agentur verteidigen wird, bis hin zu Wolfgang Thierse und Andreas Apelt, deren Deutsche Gesellschaft e.V. das Projekt am eifrigsten vorangetrieben hat. Die für den Bau und Unterhalt eines etwaigen Einheitsdenkmals zuständige Kulturstaatsministerin Monika Grütters ist zwar nicht dabei, grüßt aber aus der Ferne mit einer Pressemitteilung: Sie plädiere dafür, das Verfahren „jetzt mit einigem Abstand noch einmal aufzurollen“.

          Den Gefallen können wir ihr tun: 2007 hat der Bundestag das Denkmal beschlossen, 2009 gab es einen offenen Wettbewerb, bei dem von mehr als fünfhundert eingereichten Entwürfen kein einziger brauchbar war. Ein Jahr später folgte ein zweiter, geschlossener Wettbewerb, dessen Preisjury am Ende drei Entwürfe kürte, unter denen der damalige Kulturstaatsminister den ungeeignetsten zur Errichtung auf dem Schlossplatz auswählte. Was also läge näher, als sich die beiden anderen Siegerentwürfe von Stephan Meck und Andreas Balkenhol noch einmal vorzunehmen und zu prüfen, ob einer von ihnen als Monument der Einheit taugt?

          Auf den Hund gekommen?

          Aber das Fähnlein um Thierse hat sich offenbar so fest in die elefantöse Flachschale verbissen, dass es lieber gar kein Einheitsdenkmal als ein nichtschaukelndes haben will. Geschichtspolitisch interessant ist deshalb etwas anderes: Schon lange vermeiden die Verfechter des Milla-Entwurfs das Wort „Wippe“, wenn sie das Objekt ihrer Sehnsucht beschwören, und reden lieber von „Waage“. Dem Einfall der Choreographin Sasha Waltz, die sich bald nach dem Beginn der Bauplanungen aus dem von ihr erdachten Projekt zurückzog, ist damit jeder Rest von Charme genommen.

          Auch hübsch: Der Entwurf von Stephan Balkenkohl.

          Statt um die Vision eines Apparats, mit dem sich die offizielle Gedenkkultur spielerisch aus der Balance kippen ließe, geht es jetzt nur noch darum, so rasch wie möglich das Gleichgewicht wiederherzustellen, auf dem die Konsensgesellschaft fußt. Wenn eine Idee derart auf den Hund gekommen ist, wird es dann nicht Zeit, sich von ihr zu verabschieden? Und wie lange dauert es, bis das auch der Kulturausschuss merkt?

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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