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Zukunft der Zeitung : Das epische Medium

  • -Aktualisiert am

Viel Rauch um eine Zeitung: Überlebt die „New York Times”? Bild: dpa

Der Tod der Zeitung wird beschworen ohne Unterlass, im Internet vor allem. Doch dem Druckmedium die Messe zu singen ist falsch. Der Journalismus hat uns online und offline noch viel zu sagen.

          5 Min.

          Ein sentimentaler Moment, ein Schlag für den Journalismus, aber keine Katastrophe, so beschreibt Michael Hirschorn in einem Beitrag für das Magazin „Atlantic Monthly“ das Ende der „New York Times“. Haben wir etwas verpasst? Noch gibt es die Zeitung doch wohl. Richtig, sagt auch Hirschorn, aber nicht mehr lange. Der Schuldenberg von einer Milliarde Dollar und das kaum nennenswerte Cashpölsterchen von nicht einmal fünfzig Millionen Dollar geben ihr noch ein paar Monate, dann war’s das. Im Mai ist die Sache vorbei.

          Hirschorn springt auf einen Zug auf, der schon lange durchs Netz rast. Tag für Tag werden die Prognosen zur Zukunft der Zeitungen weitergereicht und mit Informationen oder Spekulationen angereichert. Meist ist die Rede vom Ende von irgendwas. Die „Times“ ist häufig Gegenstand dieser Spekulationen, weil sie als das globale Repräsentationsobjekt für den bedrohten Qualitätsjournalismus gilt. Er stirbt, wenn die Zeitung stirbt. Und mit ihm geht ein ganzes Milieu unter: die Informationsbohème. Diese lose Gruppierung unangepasster Informationsjunkies, die so gut zum Internetzeitalter passt und doch fast anachronistisch nicht auf ihre Zeitungslektüre verzichten will. Mit der Zeitung unter dem Arm ins Café, zum Termin oder auf den Zug, darin steckt nicht nur der analoge Zugang zu Aktualität und Wissen, darin spiegelt sich ein Selbstentwurf. Und da diese Gruppe sich gerne selbst spiegelt, auch medial, beeinflusst sie in überproportionaler Intensität den öffentlichen Diskurs über das angebliche Ende der Zeitung.

          Hart, aber erfolglos

          Diesen Entwurf hat eine der zahlreichen Prognosen im Internet aufgegriffen. Das fiktive „Museum of Media History“ präsentiert im Netz einen zehnminütigen Film zur Medienzukunft: „epic 2015“. Der Film, hergestellt von zwei Mitarbeitern des Poynter Institute in Florida, prognostiziert die Zukunft der Informationen, die bald alle in einem „evolving personalized information construct“ verbunden werden. Das „Google Grid“ liefert die universelle Plattform für dieses Konstrukt mit entsprechender Bandbreite, um alle Informations- und Kommunikationsangebote zu bündeln, zu filtern und dem Nutzer zur Verfügung zu stellen. Die „New York Times“ führt in diesem Szenario einen harten, aber letztlich erfolglosen Kampf gegen den neuen Medienmogul „Googlezon“, eine Megafusion von Google und Amazon. Im Jahr 2010 wird sie zu einem reinen Onlinemedium auf Basis bezahlter Inhalte. 2014 geht sie offline. Die „Times“ existiert von da an nur als gedrucktes Medium für die Elite und die Älteren.

          Ist das die Zukunft der Zeitung? Sie könnte es sein, wenn einzelne Verlagsrepräsentanten weiter in hysterischer Verunsicherung auf das Internet starren wie das Kaninchen auf die Schlange. Sie könnte es sein, wenn traditionelle Zeitungskonzepte eins zu eins ins Netz übertragen werden, ohne dass Verleger und Journalisten sich die Mühe machen, Besonderheiten der Netzwelt zu erkennen und zu nutzen, um eine andere und komplementäre Medienkultur zu entwickeln und zu etablieren. Sie könnte es sein, wenn leitende Redakteure weiterhin glauben, online sei zweitklassig und deshalb zeitweilig „Onlinesperren“ über ihre Printredaktionen verhängen. Sie könnte es auch sein, wenn wir weiterhin nicht sauber zwischen derzeitiger Wirtschaftskrise und strukturellem Medienwandel unterscheiden. Beide treiben sie die Verlage in die Enge, verlangen aber unterschiedliche Lösungsansätze. Und sie könnte es sein, wenn Budgetkürzungen und Streichungen weiter dort vorgenommen werden, wo das Herz der Zeitung schlägt: bei Recherche und eigenen Inhalten, also dort, wo Journalismus richtig Geld kostet, aber eben auch Qualitätsprodukte und Preiswürdiges hervorbringt.

          Zwei Seiten einer Medaille

          Die Zukunft der Zeitung könnte aber auch anders aussehen, wenn es gelingt, von dem antagonistischen Verständnis online versus offline wegzukommen und beides als zwei Seiten einer Medaille zu verstehen. Das tut manch kluger Blattmacher längst. Aber insgesamt erstaunt einen bei der Beobachtung der Märkte doch, wie viel Ratlosigkeit und Unsicherheit noch immer herrscht, die gerne durch radikale Thesen und Aktionen ausgeglichen wird.

          Die Zeitung der Zukunft wird zwei Gesichter haben: ein gedrucktes und ein vernetztes. Die Aktualität, also „all the news that’s fit to print“, wie die „Times“ für sich in Anspruch nimmt, wird ins Internet abwandern. Das Netz ist schneller als jedes andere Medium. Ihm auf diesem Feld mit einem gedruckten Produkt Konkurrenz zu machen, hat einfach keinen Sinn. Aber als Medienhaus die Aktualität im Netz zu bespielen, hat sehr viel Sinn. Das zeigt auch eine neue Studie des Hightech-Branchenverbandes Bitkom, die den Nachrichtenportalen im Internet einen Nutzungszuwachs von dreißig Prozent innerhalb eines Jahres attestiert, darunter viele Angebote der etablierten Medienhäuser. Für einen Überblick über die Tagesaktualität, die kurze Einordnung der Welt, wie ich sie beim Aufwachen vorfinde, dafür braucht es erst mal keine Edelfedern oder eigene Infrastruktur. Deshalb ist das Konzept der „Newsrooms“, das sich nun überall durchzusetzen beginnt, für diese Art des Journalismus perfekt. Für diese.

          Die Welt erzählen

          Eine andere Art des Journalismus wird weiter mit dem gedruckten Wort arbeiten, am Kiosk zu kaufen oder per Abo im Briefkasten zu finden sein. Das sind die Geschichten, die nicht in Häppchen als Schnäppchen im Sekundentakt im Netz plaziert werden, sondern die recherchiert, korrigiert, gegengelesen, überarbeitet, also weiterhin in einem aufwendigen Prozess entstehen. Sie sind Meisterstücke, Ergebnisse von Individualität, Kreativität und den richtigen verlegerischen Investitionen in Köpfe, die das können. Dazu braucht man keinen Newsroom, dazu braucht man Schreiber, die die Welt erzählen. Auf eine Weise, die wir im Netz oft vergeblich suchen, und wenn wir sie finden, dann sind es meist Printgeschichten, die ins Netz gestellt wurden.

          Die gedruckte Zeitung ist ein episches Medium. Sie berichtet ausführlich narrativ, sie darf etwas Großes aus einer Kleinigkeit heraus erzählen, sie muss eine Meinung haben, Positionen entwickeln und den Mut, sie auch zu vertreten. Sie orientiert im Strom der Nachrichten, der durchs Netz fließt. In ihn klicken wir uns immer wieder hinein, um up to date zu bleiben. Aber dann klinken wir uns aus, um in die Welt einzutauchen, die uns erzählt wird von Menschen, die das gelernt haben. Sie tun es mit professionellem Ethos und Leidenschaft (Ausnahmen bestätigen die Regel) und bekommen für dieses Tun von ihren Verlegern Zeit und Platz gewährt. Platz gibt es auch im Netz genug, aber die Zeit ist knapp, für Produzenten und Konsumenten. Eine Seite, die nicht mehrfach stündlich aktualisiert wird, gerät schnell in die Randzonen der Netzaufmerksamkeit. Und der Leser, der Lesezeit für mehr als ein paar Zeilen investieren müsste, klickt weiter. Bei der Zeitungslektüre verweilt der Leser dort, wo sein Interesse besteht oder geweckt wird durch eine spannende und gut geschriebene Geschichte.

          Schreib es aus dir raus

          Und der Journalismus? Auch er wird lernen müssen, dass es nicht das eine oder das andere, sondern immer beides zusammen gibt. Im Netz eröffnet sich die Möglichkeit, spontan zu Ereignissen Stellung zu nehmen, dabei womöglich Instantgedanken zu produzieren, die kaum länger als eine Stunde haltbar sind. Und die haben im Netz ihre Berechtigung – neben den vielfältigen Angeboten von „Bürgerjournalismus“. „Schreib es aus dir raus“, nach diesem Motto erwartet der Leser im Netz die Direktübertragung der Gedanken bei ihrer Verfertigung.

          In der Zeitung ist das anders. Dort wollen wir originelle, ja einzigartige Inhalte finden, gut recherchierte Reportagen lesen, Geschichten, die durch ein paar Hände und Köpfe gegangen sind. Und wir vertrauen darauf, dass die Zeitung weiß, was wir erwarten. Journalismus im Internet ist nichts anderes als eine Dauerkonversation aller Beteiligten untereinander. Das gedruckte Medium offeriert Geschichten, die aus einem vielschichtigen Diskurs- und Produktionsprozess hervorgehen.

          Neben- und miteinander existieren

          Wie kann dieses Zusammenspiel konkret aussehen? So wie manche Medienhäuser es in Ansätzen beginnen, aber nicht konsequent umsetzen: Die Aktualität wird durch Newsrooms bearbeitet, die gut und gerne für verschieden Medien und Produkte tätig sein können. Im Feld der generischen Nachricht ist für die Zeitung langfristig kein Wettbewerbsvorteil mehr zu erzielen. Sie braucht Teams von exzellenten Rechercheuren und Autoren, die die Welt entdecken und beschreiben können. Und bei den richtig spannenden, investigativen Geschichten können die „Teaser“ im Netz stehen, um die Nutzer und Leser neugierig zu machen und Diskussionen zu entfachen. Die ganze Geschichte folgt im Blatt, umfassend und so erzählt, dass man nicht mehr aufhören kann zu lesen, bevor die letzte Zeile erreicht ist.

          Online und offline müssen sich unterscheiden. Beide haben das Recht, neben- und miteinander zu existieren. Beide sind in ihrer Unterschiedlichkeit und Komplementarität ein Gewinn für den Journalismus, die Vielfalt, die Nutzer. Wie schrieb der amerikanische Dichter Robert Frost Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts: „Poetry is what gets lost in translation.“ Genau so verhält es sich mit online und offline. Wer versucht, das eine in das andere zu übersetzen, hat schon verloren. Wer das nicht versucht, kann nur gewinnen.

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