https://www.faz.net/-gqz-9ghad

Zukunft der Volkskirchen : Werte liefern, das können auch andere

  • -Aktualisiert am

Im Kern ist die Krise der Kirche keine der unbrauchbaren Strukturen oder der mangelnden Qualität der Arbeit: Gottesdienst am Reformationstag in der Schlosskirche in der Lutherstadt Wittenberg. Bild: dpa

Aus Christen wurden Kunden, Konsumenten und User gemacht: Die Volkskirchen brauchen neue theologische Antworten, wenn sie fortbestehen wollen. Ein Gastbeitrag.

          Die beiden Großkirchen in Deutschland leben seit langem im Modus der Krise. Dieses Krisengefühl prägt alle Leitungsentscheidungen, das alltägliche Leben in den Gemeinden und – vor allem – die Gestimmtheit der Kirchen. Dabei ist eine Krisenwahrnehmung vorherrschend, die versucht das Bestehende mit größter Anstrengung zu erhalten. Erschöpfung allenthalben ist die Folge. Die andere Möglichkeit, in der Krise auch eine Chance zu erkennen, wird dagegen kaum gesehen, weil die meisten Versuche, die Krise der Kirche zu definieren und sie auf Zukunftsfähigkeit zu trimmen, zu kurz greifen.

          Der Krisenmodus, der die beiden sogenannten Volkskirchen in Deutschland dagegen seit Beginn der neunziger Jahre prägt, ist die Erkenntnis, dass die Kirchen ihre Größe als gesellschaftliche Organisationen nicht werden halten können. Dieser Prozess war zwar schon vorher erkennbar, wurde aber erst nach dem Fall der Mauer und einer scheinbar unanfechtbaren Vermarktlichung aller gesellschaftlichen Bereiche als Krise definiert. Um es am Beispiel der evangelischen Kirchen in Deutschland deutlich zu machen: Sie verlieren seit 1968 beständig Mitglieder, generieren aber gleichzeitig immer mehr Einnahmen, weil sie über die Kirchensteuer an den wachsenden gesellschaftlichen Reichtum gekoppelt sind.

          Dieser wachsende Reichtum wurde in immer mehr Arbeitsbereiche, Personalstellen und Gebäude umgesetzt. Faktisch haben die Kirchen sich – ähnlich wie manche Kommunen – überdehnt und müssen sich nun an einen Rückbau machen. Viele in der Kirche wehren sich gegen diesen Rückbau und sehen darin eine geschichtliche Niederlage. Diese Wahrnehmung der Krise wird dadurch befördert, dass im Zuge der betriebswirtschaftlichen Ökonomisierung in den Kirchen auf eine unternehmerische Logik umgestellt wird. Zugespitzt wurde das 2005 in der EKD-Schrift „Kirche der Freiheit“ in der Formel vom „Wachsen gegen den Trend“. Inzwischen ist diese Formel zwar aufgegeben worden, aber sie hat das Krisengefühl ganz entscheidend verschärft.

          Anspruch trotz Austritt

          Die Annahme war nämlich, dass es in der Gesellschaft eine lebendige Religiosität gibt, die die Kirchen nur deshalb nicht für sich nutzen könnten, weil sie nicht marktförmig genug agieren würden. Diese Annahme ist aber – wie religionssoziologische Untersuchungen zeigen – grundsätzlich falsch. Es gibt in Ländern, in denen es sowohl gesellschaftliche Freiheit wie auch einen funktionierenden Wohlfahrtsstaat gibt, eine Bewegung in die Konfessionslosigkeit, nicht aber hin zu anderen Formen der Religiosität. Das gilt weltweit, also – anders als oft vermutet – auch in den Vereinigten Staaten. Außerdem wissen wir aus den sogenannten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen, dass die Kirchen durch größere Anstrengung oder immer neue Angebote nichts an dieser Situation verändern können. Das, was die Menschen erwarten, nämlich: ansprechende Gottesdienste, Begleitung bei Umbrüchen im eigenen Leben und Einsatz für die Schwachen, das sehen sie durch die Kirchen erfüllt. Mehr noch. Seit fünfzig Jahren lautet die Auskunft: Die Kirchen leisten in dieser Hinsicht gute Arbeit.

          Weitere Themen

          Russischer Ort streitet über Stalin-Statue Video-Seite öffnen

          Aufstellen oder nicht? : Russischer Ort streitet über Stalin-Statue

          Seitdem in der russischen Ortschaft Kusa eine alte Stalin-Statue in einem Teich entdeckt wurde, spaltet sie das Städtchen. Soll sie am alten Ort wieder aufgestellt werden, wie das der kommunistische Aktivist Stanislaw Stafejew fordert? Oder sollte sie lieber ins Museum?

          Topmeldungen

          Wird er der nächste Tory-Vorsitzende? Boris Johnson bei einem Fototermin in einer Baumschule

          Wahl zum Tory-Parteichef : „Boris gewinnt ja sowieso“

          Die 160.000 Mitglieder der Konservativen Partei wählen gerade den nächsten britischen Premierminister. Sie sind alt, melancholisch und ein bisschen rebellisch – und sehnen sich nach der guten alten Zeit.
          Von ihren Soldaten hat sie sich verabschiedet. Was folgt für Ursula von der Leyen (CDU)?

          FAZ Plus Artikel: Ursula von der Leyen : Wenn Weber es kann

          Ursula von der Leyens Rücktritt ist ein geschickter Zug. Doch wird es für sie reichen? Die SPD erweist sich weiter als führungs- und orientierungslos.
          Roger Federer nach seiner Niederlage am Sonntag in Wimbledon

          Tennis-Ikone : Wie Roger Federer zum erfolgreichen Unternehmer wurde

          Roger Federer zählt zu den Spitzenverdienern in der Welt. Daran ändert auch die Niederlage in Wimbledon nichts: Denn so erfolgreich wie auf dem Platz ist der Schweizer auch in geschäftlichen Dingen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.