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Schwedische Akademie in Not : Was wird aus dem Literaturnobelpreis?

Kazuo Ishiguro bekam den Nobelpreis 2017 Bild: dpa

Die Nobelstiftung setzt die skandalgebeutelte Schwedische Akademie unter Druck: Alle Mitglieder sollen zurücktreten, und auch 2019 könnte der Literaturnobelpreis ausfallen. Es gibt sogar noch einen anderen Plan.

          Wird es auch im Jahr 2019 keinen Nobelpreis für Literatur geben? In der Krise rund um den Korruptions- und Belästigungsskandal im Umfeld der Schwedischen Akademie meldet sich aufs Neue die einflussreiche Nobelstiftung zu Wort. Die Stiftung verwaltet das Erbe Alfred Nobels und stellt als Dachorganisation die Preisgelder der verschiedenen, von Institutionen wie der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften (Physik, Chemie), dem Karolinska Institut (Medizin), dem Nobelkomitee in Oslo (Frieden) oder eben der Schwedischen Akademie (Literatur) vergebenen Auszeichnungen zur Verfügung.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Deshalb hat es besonderes Gewicht, wenn Stiftungsdirektor Lars Heikensten jetzt in einem Interview mit „Sveriges Radio“ unterstreicht, dass der Nobelpreis für Literatur möglicherweise auch im kommenden Jahr ausfallen könnte. Voraussetzung für die Vergabe sei schließlich, so Heikensten, dass das Vertrauen in die Schwedische Akademie wiederhergestellt ist. Das Jahr 2019 sei deshalb keine Deadline.

          Durch diese Äußerung Heikenstens erhöht sich der Druck auf die Akademie, die erst unlängst angekündigt hatte, die Verleihung des Literaturpreises in diesem Jahr ausfallen zu lassen, um die Auszeichnung im kommenden Jahr zweimal zu vergeben. Überhaupt scheint die Nobelstiftung hinter den Kulissen vehement auf Veränderungen und Reformen zu drängen: Die Stiftung hatte schon vor Wochen ihre Sorge über den Ruf aller Nobelpreise angesichts der Krise beim Literaturnobelpreis zum Ausdruck gebracht. Schwedischen Zeitungen zufolge soll auch die Entscheidung der Schwedischen Akademie, den Literaturnobelpreis 2018 nicht zu vergeben, überhaupt erst auf Druck der Stiftung erfolgt sein.

          Die im Jahre 1786 von Gustav III gegründete Akademie, die in Schweden auch „De Aderton“, also „Die Achtzehn“ genannt wird, da sie seit jeher aus achtzehn Mitgliedern besteht, deren Stühle nummeriert sind, hat nach diversen Rücktritten oder Rücktrittsankündigungen inzwischen nur noch zehn aktive Mitglieder. Diese beteuern zwar seit Wochen, die missliche Lage verstanden zu haben und Maßnahmen zur Wiederherstellung des verlorenen Vertrauens zu diskutieren. Auch habe man sich einen externen Berater zur Seite geholt. Aber in der schwedischen Öffentlichkeit verfängt das bislang nicht. Der Akademie wird vorgeworfen, die Vertrauenskrise auszusitzen und ihren Kern nicht zu verstehen. Und sie erwartet, dass umstrittene Mitglieder wie Horace Engdahl oder sogar sämtliche verbliebenen Mitglieder aus der Akademie ausscheiden.

          Der Sitz der Schwedische Akademie in Stockholm.

          Auch dazu äußerste sich Heikenstens jetzt im Radio-Interview, als er den verbliebenen Akademiemitgliedern ins Gewissen redete und ihnen empfahl, sich ernsthaft zu fragen, ob ihr Verbleib der Institution und dem Nobelpreis dienlich sei oder nicht. Namen wollte der Stiftungsdirektor explizit nicht nennen. Er wollte sich allerdings auch nicht auf nur eine Person beschränken.

          Als direkte Warnung dürfte die Akademie eine andere Bemerkung Heikenstens verstanden haben: Der Nobelstiftung liegen demnach inzwischen etliche Vorschläge für andere Institutionen vor, die den Literaturnobelpreis anstelle der Schwedischen Akademie vergeben könnten, wie Heikensten sagte, der seit 2011 geschäftsführender Direktor der Stiftung ist. In diese Kerbe schlug am Sonntag nun auch ein Kommentar von „Dagens Nyheter“. Die Zeitung, deren Enthüllungen die Krise im November auslösten, hält es angesichts der momentanen Situation der Akademie für angebracht, die Vergabe des Literaturnobelpreises „temporär“ an die „Königlich Schwedische Gelehrsamkeits-, Geschichts- und Altertümer-Akademie“ (Vitterhetsakademien) zu übertragen.

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