https://www.faz.net/-gqz-7wcq9

Kulturgüter digital : Zwischen Freiheit und Geschäft

In Internetfragen lieber nachträglich um Vergebung bitten als vorher um Erlaubnis fragen? Auch Kulturstaatssekretär Tim Renner sprach auf der Berliner Tagung (hier auf einem Foto vom Februar dieses Jahres). Bild: dpa

Freie Verfügbarkeit für alle oder Vermarktung? Die Konferenz „Zugang gestalten!“ fragt in Berlin nach dem Stand der Digitalisierung von Kulturgütern.

          3 Min.

          Für Tim Renner ist es ein Heimspiel. Die Digitalisierung sei nicht mehr aufzuhalten, sagt der Berliner Kulturstaatssekretär vor den Zuhörern in einem Seitengebäude des Museums Hamburger Bahnhof, darum müsse Deutschland jetzt schleunigst ein „digitales Kulturland“ werden, wie es die Bundesregierung ebenfalls fordere. Und wer daran in Einzelfragen Zweifel habe, etwa was die Übertragung von Opern- und Theateraufführungen per Livestream angehe, der habe halt nicht richtig nachgedacht: „Wenn ich Zugang bekomme zu etwas, wenn ich damit infiziert werde, dann will ich es auch live erleben“ – so wie ein Zaungast auf einer Party, der auch lieber drinnen mitfeiern möchte. Was bei den Ewiggestrigen noch an Ängsten vor der schönen neuen Netzwelt vorhanden sei, ließe sich „wegmoderieren“, unter dem „Druck des Exzellenten“ würden dann auch die letzten Bedenkenträger ihren Widerstand aufgeben.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Renners Zuhörer sind in der Tat infiziert. Das gehört zu den Voraussetzungen der Konferenz „Zugang gestalten!“, zu der sich nun schon zum vierten Mal ein kleines, kulturinteressiertes Segment der internationalen Netzgemeinde versammelte, um unter der Leitung des Medienjuristen Paul Klimpel über den neuesten Stand der Digitalisierung von Bibliotheken und Archiven zu sprechen.

          Und wie immer gibt es gute Nachrichten, so aus Norwegen, wo bald jeder Nutzer für ein paar Cent freien Zugang zum gesammelten Weltwissen bekommen soll, und weniger gute wie aus dem Dickicht des deutschen Föderalismus, in dem die Digitalisierung zur Schnecke wird.

          Das Ausland als Beispiel

          Und wie jedesmal stellt Klimpel in seiner Eröffnungsrede fest, es gehe voran, nur eben nicht im gewünschten Tempo, und ermahnt die kulturellen Content-Verwalter im Publikum, sich an ihren Kollegen im Ausland ein Beispiel zu nehmen, etwa am Holocaust Memorial Archive in Yad Vashem, das seine Bestände in vorbildlicher Weise zugänglich gemacht hat.

          Im nächsten Jahr soll die Konferenz in Hamburg stattfinden, und dann wird es wieder andere Musterknaben der Digitalisierung geben, aus Amerika und den kleinen europäischen Nationen; aber die Sorgenschüler werden immer die gleichen bleiben. Sechzehn Bundesländer, von denen jedes seine eigene Kulturbürokratie hat, und achtundzwanzig stimmberechtigte EU-Mitglieder sind eben kein Pappenstiel, und wer weder marktliberalen Wildwuchs noch totalitäre Gängelung im Netz will, wird sich wohl oder übel auf dem Weg ins digitale Datenparadies gedulden müssen.

          Vermarktung von Archivbeständen

          In diesem Jahr bildete die audiovisuelle Überlieferung ein Schwerpunktthema der Konferenz. Das Netherlands Institute for Sound and Vision, erzählte dessen Sammlungsleiter Tom de Smet, hat siebenhunderttausend Stunden Film- und Tonmaterial unter der Creative-Commons-Lizenz erschlossen. Die Nutzer, so Smet, wüssten oft mehr über einzelne Archivstücke als die Experten des Instituts, so dass seine Behörde gleichsam täglich klüger werde; man dürfe nur nicht hoffen, auf diese Weise Geld zu verdienen.

          Genau das aber, referierte Claudia Dillmann, die Leiterin des Deutschen Filminstituts in Frankfurt, will die Europäische Kommission nun mit dem Internetportal Europeana erreichen, das durch die Vermarktung von Archivbeständen ab 2020 knapp zwei Millionen Euro pro Jahr erwirtschaften soll. Eine Institution, die den Zugang zu Kulturschätzen eröffnen solle, werde so zu einem „broker für Digitalisate“; der erste Schritt auf dem Weg zur marktkonformen Archivlandschaft. Das Deutsche Filminstitut hält dagegen an den alten Prinzipien fest: „Keine Schranken, kein Bezahlsystem. . . Dadurch: Keine Blockbuster, keine Hits, kein Geschäft.“

          Bezahlter oder freier Zugang?

          Genau das ist die Wegscheide, an der öffentliche wie private Archive und Bibliotheken heute stehen. Die Notwendigkeit, die Kosten der Digitalisierung wieder einzuspielen, zwingt sie dazu, ihre Bestände auch für kommerzielle Nutzer zu öffnen. Ihr eigentlicher Auftrag aber besteht darin, ihre Schätze für jedermann frei zugänglich zu machen, ohne Rücksicht auf finanzielle Erwägungen. In welche der beiden Richtungen es gehen will, muss jedes Archiv für sich entscheiden.

          Das private Filmarchiv von Rick Prelinger an der Universität von Santa Cruz könnte ohne den Verkauf von Filmrechten seinen Betrieb nicht fortsetzen. Das Archiv der BBC dagegen, dessen Außenabteilungsleiter Bill Thompson in Berlin auftrat, muss sich keine Sorgen um sein Budget machen, spielt aber mit seinen eher bescheidenen Beständen auch keine große Rolle in der digitalen Datenwelt.

          Einer seiner früheren Chefs, sagt Tim Renner am Ende seiner Rede, habe ihm den Rat gegeben, in Internetfragen lieber nachträglich um Vergebung zu bitten als vorher um Erlaubnis zu fragen. Das ist, mit Verlaub, eine Haltung, die sich ein freier Musik- oder Filmvermarkter vielleicht gestatten kann. Ein Kulturpolitiker aber nicht.

          Weitere Themen

          Medizin aus der Seelen-Apotheke

          St. Gallen : Medizin aus der Seelen-Apotheke

          Himmel und Erde: Rund um den klösterlichen Stiftsbezirk mit der ältesten Büchersammlung Europas sonnt sich St. Gallen in einem weltlichen Wohlstand, der sich dem jahrhundertelangen Handel mit Textilien verdankt.

          Rückkehr auf den Wüstenplaneten Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Dune“ : Rückkehr auf den Wüstenplaneten

          Nach mehreren Verschiebungen kommt nun endlich Denis Villeneuves Neuverfilmung des Science-fiction-Klassikers „Dune“ in die Kinos. Dietmar Dath verrät, warum sich das lange Warten auf die Rückkehr auf den Wüstenplaneten gelohnt hat.

          Topmeldungen

          Die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Kristalina Georgiewa

          Kristalina Georgiewa : Manipulationsverdacht gegen IWF-Chefin

          Chinas Position im vielbeachteten „Doing Business“-Ranking wurde offenbar auf Anweisung der Weltbank-Führung nach oben gehievt. Ein Prüfbericht führt die Unregelmäßigkeiten auf die heutige Chefin des Internationalen Währungsfonds zurück.
          Wiedergewählt im zweiten Anlauf: Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (links) bei der Vereidigung

          Wahl Reiner Haseloffs : Acht Abweichler und wilde Spekulationen

          Schon wieder wird Sachsen-Anhalts Ministerpräsident erst im zweiten Anlauf bestätigt. In Magdeburg fragt man sich: War es ein organisierter Aufstand? Oder eine Verkettung von Einzelaktionen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.