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WM-Kolumne „Nachgetreten“ : Zu wem jetzt halten?

Am 17. Juni wollte man noch nicht so recht, aber wie wäre es, sich jetzt von der mexikanischen Begeisterung einfach mitreißen zu lassen? Fans beim Public Viewing im Frankfurt Stadion. Bild: dpa

Schweden oder die Schweiz? Oder Mexiko? Wer sich bei der WM für Fußball und nicht nur fürs Dabeisein interessiert, kann seine Sympathien jetzt neu vergeben. Aber wie? Gedankenspiele vor den Achtelfinalspielen.

          Jetzt, da die Deutschen ausgeschieden sind, stellt sich die Frage, ob man überhaupt weiter zuschaut. Wer sich an die Qualität der Spiele hält, wer sich also für Fußball und nicht nur für Dabeisein interessiert, kann hier nicht zögern. Selbst Senegal gegen Kolumbien war interessanter als die erfolglose „domination stérile“ der Deutschen, wie sich der französische Reporter nach der ersten Halbzeit des Korea-Spiels ausdrückte. Aber für wen stattdessen sein?

          In der Brasserie „Balthazar“ auf der Promenade des Anglais gab es keinen einzigen Franzosen, der nicht für Senegal gewesen wäre. Die Länder haben, freundlich formuliert, eine gemeinsame Geschichte. Dass sie sich geltend macht, obwohl es 2002 ausgerechnet Senegal war, gegen das Frankreich als Weltmeister in der Vorrunde ausschied, spricht sehr für die französische Mentalität. Würden die Deutschen darum jetzt ihre Herzen Schweden zuwenden? Die verwegene Hoffnung, am Ende gegen den neuen Weltmeister ausgeschieden zu sein und ihn sogar bezwungen zu haben, ist aber zu egoistisch, und darum scheidet Schweden aus. Eher schon Mexiko, das hätte Stil.

          Oder würden die Deutschen sich analog zur französischen Senegal-Begeisterung – „gemeinsame Geschichte“ – unter den verbliebenen Mannschaften Russland zuneigen? Wer über den Schatten Putins springen kann, mag so überlegen. Oder es gleich mit Frankreich halten, mehr an gemeinsamer Geschichte geht ja ohnehin nicht. Die Schlagzeile der „Daily Mail“ zum deutschen Ausscheiden – „Gott im Himmel! Germans crash out, and in Britain there’s not a dry eye in the house“ – bringt allerdings auch England ins Spiel, wo man mit den Deutschen immer am wenigsten gemeinsame Geschichte haben möchte.

          Man kann den Schlüssel zur Begeisterung aber auch in der gemeinsamen Sprache finden, dann käme analog zu Senegal für uns die ohnehin sehr tapfere Schweiz – von den Brasilianern eine Halbzeit lang platt gespielt und doch noch mit einem Unentschieden herausgegangen! – als Ersatzobjekt der Begeisterung in Betracht. Wie gemeinsam die Sprache ist, erscheint allerdings dem zweifelhaft, der den Kommentar des Schweizer Rundfunks zum Serbien-Spiel minutenlang angestrengt, aber verständnislos verfolgt hat. Österreich, von dem Karl Kraus einst meinte, es teile mit Deutschland alles außer der Sprache, ist ja leider nicht dabei.

          Bleiben die fußballeigenen Kriterien fürs Daumendrücken. Wer hat bislang am erfreulichsten gespielt? Die Meinungen gehen hier sehr auseinander. Wir müssten nach diesem Gesichtspunkt zwischen Kroatien und Belgien wählen, entscheiden uns aber, weil die wirklich erfreulichen Spiele ja erst noch kommen, dann doch für die gemeinsamste aller Geschichten und damit für Umtiti, Griezmann und Dembélé.

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