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David Grossman über Israel : Wir singen auf Hebräisch und Arabisch den gleichen Vers

  • -Aktualisiert am

Schriftsteller David Grossman in der Schweiz Bild: EPA

Wie leicht wäre es, sich Hass, Wut und Rachsucht zu überlassen: Eine Rede vor Israelis und Palästinensern zum Gedenktag für gefallene Soldaten und Terroropfer in Tel Aviv.

          5 Min.

          Es hat eine Menge Lärm und Aufregung rund um unsere Feier gegeben; aber wir vergessen darüber nicht, dass es hier um Erinnerung und Gemeinschaft geht. Der Lärm, auch wenn er noch anhält, liegt nun hinter uns, denn im Herzen dieses Abends herrscht tiefe Stille – die Stille der Leere durch den Verlust.

          Meine Familie und ich haben Uri im Krieg verloren, einen jungen, freundlichen, klugen und lustigen Mann. Selbst nach fast zwölf Jahren fällt es mir schwer, darüber öffentlich zu sprechen. Es wird nie wieder sein wie vorher, noch wird es jemals wieder etwas Vergleichbares geben. Es ist unbeschreiblich schmerzhaft, mit diesem entschiedenen „Nein“ zurechtzukommen. Es gibt Augenblicke, in denen es fast alles an sich reißt, was man hat, ein jedes „Ja“.

          Es ist schwierig und anstrengend, dauernd gegen das Gewicht des Verlusts anzukämpfen. Es ist schwierig, die Erinnerung vom Schmerz zu scheiden. Es tut weh, sich zu erinnern, aber zu vergessen ist noch fürchterlicher. Und wie leicht ist es in dieser Situation, sich Hass, Wut und Rachsucht zu überlassen. Aber immer dann, wenn ich durch Wut und Hass versucht werde, spüre ich, dass ich den lebendigen Kontakt zu meinem Sohn verliere. Ich habe meine Wahl getroffen. Und ich glaube, dass diejenigen, die heute Abend hier sind, dieselbe Wahl getroffen haben. Trauer isoliert nicht, sie verbindet und stärkt. Hier können selbst alte Feinde – Israelis und Palästinenser – sich in ihrer Trauer verbinden, ja sogar durch sie.

          Ich habe in den vergangenen Jahren manche Hinterbliebenenfamilien getroffen. Ich habe ihnen gesagt, dass man sich nach meiner Erfahrung selbst dann, wenn man sich selbst im Herzen des Schmerzes befindet, daran erinnern soll, dass es jedem anderen Familienmitglied erlaubt ist, so zu trauern, wie es will, wie es ist und wie seine Seele es von ihm verlangt. Niemand kann anderen vorschreiben, wie zu trauern wäre. Das gilt für jede private Familie, und es gilt für die größere „Hinterbliebenenfamilie“.

          Uns verbindet ein starkes Gefühl: das eines geteilten Schicksals und der Schmerz, den nur wir kennen, für den es fast keine Worte da draußen im Licht gibt. Deshalb möge man unseren Umgang damit respektieren. Er ist kein leichter Weg, er ist nicht unmittelbar einsichtig, und er ist nicht ohne innere Widersprüche. Aber er ist unser Weg, dem Tod unserer geliebten Menschen Sinn zu verleihen – und unserem Leben nach ihrem Tod. Und es ist unser Weg zu handeln: nicht zu verzweifeln und nicht nachzulassen, auf dass eines Tages der Krieg verblassen und vielleicht ganz verschwinden werde und wir beginnen können zu leben. Ein wahres Leben, keines, das nur von Krieg

          zu Krieg reicht, von Katastrophe zu Katastrophe.

          Ich glaube, dass die Trauer uns, die wir heute hier sind, zu realistischeren Leuten gemacht hat. Wir sehen klar: zum Beispiel die Grenzen der Macht oder die Illusionen der Mächtigen. Und wir sind misstrauischer, als wir es vor der Katastrophe waren, und angewidert, wann immer wir leeren Stolz wahrnehmen oder arrogant nationalistische Verlautbarungen oder hochmütige Stellungnahmen von Führern. Wir sind noch mehr als misstrauisch – wir sind faktisch allergisch dagegen.

          In dieser Woche feiert Israel siebzigsten Geburtstag. Ich hoffe, dass wir noch viele Jahrestage feiern können und viele weitere Generationen von Kindern, Enkeln und Urenkeln, die hier mit einem unabhängigen Palästinenserstaat zusammenleben werden: sicher, friedlich, kreativ und, am wichtigsten, in gelassenem täglichen Umgang, in guter Nachbarschaft. Und dass sie sich hier zu Hause fühlen.

          Was bedeutet das? Zu Hause ist man an einem Ort, dessen Wände – Grenzen – eindeutig und anerkannt sind, dessen Existenz unumstößlich und entspannt ist, dessen Bewohner mit ihren jeweiligen Verhaltensweisen vertraut sind, dessen Beziehungen zu den Nachbarn beständig sind. So etwas vermittelt ein Gefühl von Zukunft. Doch wir Israelis sind selbst nach siebzig Jahren – und egal wie viele honigsüße patriotische Worte in den nächsten Tagen gesprochen werden – noch nicht dort angekommen. Wir sind noch nicht zu Hause. Israel wurde gegründet, damit das jüdische Volk, das sich so gut wie nie in der Welt zu Hause gefühlt hat, endlich ein Zuhause habe. Doch heute, siebzig Jahre später, mag das starke Israel eine Festung sein – ein Zuhause ist es noch nicht.

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