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David Grossman über Israel : Wir singen auf Hebräisch und Arabisch den gleichen Vers

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Die Lösung für die höchst komplexen Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern kann auf eine kurze Formel gebracht werden: Solange die Palästinenser kein Zuhause haben, werden auch die Israelis keines haben. Das Gegenteil ist genauso wahr: Wenn Israel kein Zuhause wird, wird es auch Palästina nicht.

Ich habe zwei Enkeltöchter, sie sind sechs und drei Jahre alt. Für sie ist Israel selbstverständlich. Für sie ist es klar, dass wir einen Staat haben, in dem es Straßen gibt und Schulen und Krankenhäuser und einen Computer im Kindergarten und eine lebendige, reiche hebräische Sprache. Ich gehöre einer Generation an, für die all das nicht selbstverständlich war, und von dieser Position aus spreche ich. Einer fragilen, von der aus ich mich ebenso lebendig an die existentielle Angst erinnere wie an die intensive Hoffnung, dass wir jetzt, endlich, zu Hause angekommen wären.

Aber wenn Israel ein anderes Volk erobert und seit 51 Jahren unterdrückt hält, ein Apartheidsregime in den besetzten Gebieten schafft, dann ist es viel weniger geworden als ein Zuhause. Wenn Verteidigungsminister Lieberman friedensliebende Palästinenser von der Teilnahme an einer Zusammenkunft wie der unseren abzuhalten beschließt, ist Israel weniger als ein Zuhause. Wenn israelische Scharfschützen Dutzende palästinensische Demonstranten, die meisten davon Zivilisten, töten, ist Israel weniger als ein Zuhause. Wenn die israelische Regierung versucht, fragwürdige Deals mit Uganda und Ruanda zu improvisieren, damit das Leben von Tausenden Asylsuchenden gefährdet und diese ins Ungewisse ausweisen will, ist Israel für mich weniger als ein Zuhause. Und wenn unser Premierminister Menschenrechtsorganisationen diffamiert und gegen sie hetzt, wenn er versucht, Gesetze zu erlassen, die den Obersten Gerichtshof umgehen sollen, und wenn die Demokratie und die Gerichte permanent herausgefordert sind, wird Israel für jeden ein bisschen weniger als ein Zuhause. Wenn 1,5 Millionen palästinensische Bürger Israels vernachlässigt und diskriminiert werden, wenn das große Potential, das sie für ein gemeinsames Leben hier darstellen, praktisch aufgegeben wird, ist Israel weniger als ein Zuhause, für die Minderheit wie für die Mehrheit.

Israel versetzt uns in Schmerz. Weil es nicht das Zuhause ist, das wir uns wünschen. Wir anerkennen die großartige, wunderbare Tatsache, dass wir einen Staat besitzen, und wir sind stolz auf seine Leistungen in vielen Bereichen, in Industrie und Landwirtschaft, Kultur und Kunst, Informationstechnologie, Medizin und Wirtschaft. Aber wir spüren auch den Schmerz seiner Verfälschung.

Die Menschen und Vereinigungen, die heute hier sind, und viele ähnliche sind wohl diejenigen, die das meiste dazu beitragen, dass Israel ein Zuhause wird, im vollen Sinne des Wortes. Wo wir friedlich und sicher leben werden: ein ungetrübtes Leben, eines, das nicht versklavt wird durch Fanatiker aller Art im Dienste irgendeiner totalitären, messianischen oder nationalistischen Vision. Ein Zuhause, dessen Bewohner nicht bloßes Material sein werden, das für ein Prinzip verfeuert wird, das größer sein soll als sie selbst und sich angeblich ihrem Verständnis entzieht. In dem das Leben nach seiner Menschlichkeit gemessen würde. In dem ein Volk eines Morgens erwachen und sehen wird, dass es menschlich ist. Und in dem ein Mensch spüren wird, dass er an einem unbestechlichen, zugewandten, wahrhaft egalitären, nicht aggressiven und nicht habgierigen Ort lebt. In einem Staat, der nur der Sorge um jede Person gewidmet ist, die in ihm lebt, mitfühlend und tolerant angesichts all der vielen Dialektiken, „Israeli zu sein“. Denn „sie werden das lebende Wort Israels sein“.

Allgemein gesprochen: Ich wünsche unserer Regierung, dass sie weniger verschlagen wäre und dafür klüger. Man darf ja träumen. Man darf auch Errungenschaften bewundern. Für Israel lohnt es sich

zu kämpfen. Unseren palästinensischen Freunden wünsche ich dasselbe: ein Leben in Unabhängigkeit, Freiheit und Frieden und den Aufbau einer neuen veränderten Nation. Und ich wünsche mir, dass in siebzig Jahren unsere Enkel und Urenkel, palästinensische wie israelische, hier stehen und ihre jeweilige Nationalhymne singen. Aber einen Vers werden sie zusammen singen können, auf Hebräisch und Arabisch: „ein freies Volk zu sein in unserem Land“. Und dann wird es vielleicht, endlich, eine zutreffende Beschreibung für beide Völker sein.

Aus dem Englischen von Andreas Platthaus.

Israels Zukunft

Der Schriftsteller David Grossman, geboren 1954, hat im August 2006 im Libanon-Krieg seinen Sohn Uri verloren, der als Soldat der israelischen Armee getötet wurde. Am 17. April beging das Land seinen Gedenktag für gefallene Soldaten und Terroropfer. Dazu wurde in Tel Aviv erstmals eine Feier abgehalten, zu der auch Angehörige palästinensischer Opfer des Konflikts im Heiligen Land eingeladen wurden. Der israelische Verteidigungsminister Avigdor Lieberman wollte deren Teilnahme untersagen, scheiterte mit dieser Absicht aber am Obersten Gerichtshof des Landes. David Grossman hielt auf der Feier eine Rede, die wir hier leicht gekürzt dokumentieren.

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