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Zu Besuch bei Doktor Kusch : Der Tod in Turnschuhen

  • -Aktualisiert am

Der Mann mit der Spritzmaschine: der ehemalige Hamburger Senator Kusch interessiert sich für Sterbehilfe Bild: dpa

Er selbst nennt es „Das Ereignis von Würzburg“ und erzählt bei einem Hausbesuch fünf Stunden lang davon, wie er Sterbehelfer geworden ist. Warum die Debatte besser ohne den ehemaligen Hamburger Innensenator Roger Kusch weitergehen sollte.

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          Roger Kusch hatte vorgeschlagen, sich in seiner Wohnung zu treffen. Das war seltsam, weil Leute, die im Umgang mit der Presse so erfahren sind wie er, sich normalerweise in einem Café verabreden oder in einem Restaurant, wenn sie nicht möchten, dass ihre Umgebung etwas über sie verrät.

          Die Wohnung liegt im vierten Stock eines Hamburger Altbaus. Hinter der Tür beginnt ein großer Raum, der die Form eines Winkels hat. Auf der einen Seite steht eine Küche als Tresen, weiße Arbeitsplatten, leergeräumt bis auf die Espressomaschine und den metallenen Brotkasten, vor dem ein Schneidebrett liegt, darauf ein Messer. Auf der anderen Seite steht ein grüner, runder Tisch, umstellt von farblosen Plastikstühlen. In einer Ecke sind zwei schwarze Ledersofas vor einen Breitbildfernseher gerückt. Es gibt Grünpflanzen, an den Wänden hängen weiße, schräg angebrachte Leinwände, Scherenschnitte in Goldrahmen und ein übergroßes CD-Regal, dessen Inhalt - es handelt sich ausschließlich um klassische Musik - Roger Kusch nicht nur alphabetisch sortiert, sondern mit eigenen Signaturen versehen hat.

          Alles in allem macht die Wohnung einen aufgeräumten Eindruck, im Unterschied zu der Gegend, in der sie liegt.

          Auf dem Fußabtreter, in leicht geschwungenen Buchstaben, das Wort „Heimat“

          Vom Hamburger Hauptbahnhof, dessen Vorplatz mit klassischer Musik beschallt wird, um Drogenabhängige und Obdachlose zu vertreiben, war man eine baumlose Straße hinunter gelaufen, vorbei an Läden, in denen Ramsch und Bars, in denen Erotik angeboten wurde. Man hatte einen Platz überquert, der wegen der Dealer mit Kameras überwacht wird, war ein Treppenhaus hinaufgestiegen, das sich eng um einen Fahrstuhl wand, und stand schließlich vor einer Tür, vor der ein Fußabtreter lag. Darauf war, in leicht geschwungenen Buchstaben, das Wort „Heimat“ zu lesen.

          Am Klingelschild hatte ein fremder Name gestanden, den Roger Kusch geheimzuhalten bittet. Es ist gerade fünf Jahre her, dass der damalige Innensenator Ronald Barnabas Schill den Ersten Bürgermeister Ole von Beust damit zu erpressen versuchte, dass er Roger Kusch zum Justizsenator gemacht hatte, einen Mann, der angeblich sein Lebensgefährte sei und außerdem Mieter seiner Eigentumswohnung im Hamburger Stadtteil St. Georg. Tagelang hatten Reporter daraufhin das Haus belagert.

          Fünf Stunden über das, was er „Das Ereignis von Würzburg“ nennt

          Roger Kusch, ein jugendlich wirkender Mann Anfang fünfzig, trägt schwarze Turnschuhe, Sakko und eine leichte Tönung im Haar. Die Kaffeetassen stellt er nicht ohne Untersetzer auf dem Glastisch vor der Couch ab. Danach redet er fünf Stunden lang über das, was er selbst „Das Ereignis von Würzburg“ nennt.

          Ende Juni hat Roger Kusch einer Rentnerin aus Würzburg beim Sterben geholfen. Sie hieß Bettina Schardt, war neunundsiebzig Jahre alt und nicht schwer krank, aber sie hatte Angst, es zu werden und siechend im Pflegeheim zu liegen. An Kusch hatte sie sich gewandt, als sie von dem Injektionsautomaten hörte, den er im März der Presse vorgestellt hatte. Er besteht aus zwei Spritzen, aus denen auf Knopfdruck je zwanzig Milliliter Kaliumchlorid und ein Narkotikum in die Armvene gepresst werden.

          Als ließe sich das Thema derzeit nicht ohne ihn diskutieren

          Roger Kusch sagt, es habe für den ersten Einsatz des Automaten einige „Interessenten“ gegeben. Zu Frau Schardt aber habe er „schnell einen intensiven Kontakt“ gefunden, aus dem sich „ein relativ zügiges Geschehen“ entwickelt habe.

          Das Ergebnis dieses Geschehens stellte Roger Kusch vor gut zwei Wochen auf einer Pressekonferenz vor. Seither ist er so häufig in den Medien wie in der Zeit, da er als Justizsenator Affäre an Affäre auslöste und deshalb am Ende entlassen wurde. Auch in den Zeitungen vom Tag hat er eine Meldung über sich gefunden, sie bezieht sich auf einen Fernsehbericht vom vergangenen Tag. Am folgenden Tag wird er in einer Talkshow auftreten. Es sieht so aus, als ließe sich das Thema Sterbehilfe derzeit nicht ohne Roger Kusch diskutieren. Lediglich der Norddeutsche Rundfunk hat vor Tagen eine Sendung bestritten, ohne ihn einzuladen. Das hat ihn gewundert.

          Das hat Roger Kusch sofort verstanden

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