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Israelis in Deutschland : Was soll die israelische Begeisterung für Berlin?

  • -Aktualisiert am

Jüdisches Leben in Berlin findet seinen prominenten Ausdruck im Sport: Am Dienstag sind in der Waldbühne die Europäischen Makkabi-Spiele eröffnet worden. Bild: dpa

Israelis in Berlin: Die deutsche Hauptstadt ist ein Magnet für jüdische Besucher, gerade auch aus Israel selbst. Daraus wird ein Mythos gemacht, der nichts mit der Realität zu tun hat. Ein Gastbeitrag.

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          Israelis in Berlin: Könnte irgendetwas cooler, postmoderner, regelwidriger, sinnbildlicher für unsere hippe neue grenzenlose Welt sein? Unlängst schrieb Jodi Rudoren, die Leiterin des Jerusalemer Büros der „New York Times“, über einen israelischen „Exodus“ nach Deutschland, der seinen Grund in den steigenden Mieten und Konsumgüterpreisen im jüdischen Staat habe. Die „Washington Post“ zog nach und brachte einen ähnlichen Bericht über „Wellen junger Israelis“, die den „längst verlorenen Duft frischgebackener Rugelachhörnchen und Hamantaschen in die Straßen Berlins zurückgebracht“ hätten. Und der „Economist“ fragte: „Ist Berlin das neue Jerusalem?“

          Fania Oz-Salzberger, die Tochter des israelischen Schriftstellers Amos Oz, schrieb über dieses Phänomen schon vor fünfzehn Jahren ein Buch, das den nüchternen Titel „Israelis in Berlin“ trägt. Das moderne Hebräisch, so erzählt sie mir in einem Telefongespräch, sei in Berlin bereits Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gesprochen worden, lange bevor es zur offiziellen Sprache des jüdischen Staates wurde. In den sechziger Jahren, etwa um die Zeit, als Israel und die Bundesrepublik offizielle diplomatische Beziehungen aufnahmen, habe ein „Rinnsal von Israelis“ begonnen, nach Westdeutschland zurückzukehren, viele von ihnen deutsche Juden, die „nicht mit ihrer Sehnsucht“ nach dem Land ihrer Geburt zu leben vermochten, sowie „stramme Sozialisten“, die in die Deutsche Demokratische Republik gingen.

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          Dieser Stoff hatte alle Merkmale einer perfekten Geschichte: Ehedem Unterdrückte kehren in das Land zurück, das sie zu vernichten versuchte, und leben dort gut. Das ist zudem eine Geschichte, die Deutschland, erfreut über alles, was sein Verhältnis zur jüdischen Welt in positivem Licht erscheinen lässt, nur zu gerne herausposaunt.

          Dass Israelis in der billigsten Metropole Europas Party machen, ist also nicht neu, verändert hat sich jedoch mittlerweile der politische Kontext, in dem die Geschichte von den Israelis erzählt wird, die ihre jüdische Heimat verlassen und nach Deutschland gehen. Ihren letzten Medienhype erlebte sie im Gefolge des Gaza-Kriegs von 2014, der eine zunehmende Isolierung Israels (vor allem von den europäischen Hauptstädten) und eine weltweite Zunahme des Antisemitismus bewirkte. Für manche Kritiker Israels ist der angebliche Zustrom von Israelis ausgerechnet nach Deutschland eine köstliche Ironie, die sie sich keinesfalls entgehen lassen möchten. Das heutige Israel, behaupten sie, stünde „so weit rechts“ und hätte „so wenig Interesse an Frieden“, dass viele seiner jungen Bürger lieber in dem Land lebten, das sechs Millionen Juden ermordete, als weiter das ohnehin dem Untergang geweihte zionistische Projekt zu begleiten. Leider gibt es in Berlin viele Israelis, die nur zu gerne als lebender Beweis für diese These dienen.

          Ein Pudding als Stein des Anstoßes

          Auf Facebook verbreitete sich vor ein paar Monaten ein Posting mit rasender Schnelligkeit: Der anonyme Administrator einer Facebook-Gruppe namens „Olim LeBerlin“ – ein Wortspiel mit dem hebräischen Ausdruck (olim) für Juden, die nach Israel eingewandert sind (aliyah, was wörtlich „aufsteigen“ heißt) – ergänzte seinen Text mit einem Foto, das den Kassenzettel eines Berliner Lebensmittelgeschäfts mit Artikeln im Gesamtwert von zwanzig Dollar zeigte. Dieselben Artikel, so wurde dort behauptet, kosteten in Israel mehr als das Doppelte. Ein weiterer Facebook-Post über den günstigeren Preis eines Schokoladenpuddings führte in Israel und seiner Diaspora schon bald zu einer Debatte, die unter der Bezeichnung „Milky Revolution“ bekannt wurde – in Anspielung auf einen beliebten israelischen Fertigpudding.

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